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Brokeback Mountain

Über die Freiheit

Mit welchen Erwartungen ging ich in diesen Film? Ich wusste, dass er von schwulen Cowboys handeln soll, dass er bei der Oskarvergabe übergangen wurde und dass George Bush ihn sich nicht ansehen will. Also erwartete ich mir wohl am ehesten einen „Myth Buster“, einen Film, der einen Mythos zerstört: den Mythos vom männlichsten aller Männer, dem amerikanischen Cowboy.
Meinen Erwartungen wurde nicht entsprochen. Brokeback Mountain handelt nicht von schwulen Cowboys.
Der Rindertreiber der amerikanischen Geschichte ist nicht das Thema. Die Hauptfiguren sind keine Cow-boys, sondern „Sheep-boys“: Schäfer, Schafhüter, Schaftreiber. Das ist kein Zufall, weil auf das Verhältnis zwischen Schaf und Hirten in den ländlichen Gegenden der USA gerne der Schatten der sexuellen Perversion fällt. Und so ist einfach durch die Wahl der Herde unbewusst bereits das Thema der sexuellen Abartigkeit im Raum. Der Cowboy, also der Hüter der Rinderherde, kommt nicht vor die Kamera. Er kommt in diesem Film gar nicht vor, sondern sein Mythos wird nur zitiert. Die Elemente aus denen sich dieser Mythos zusammensetzt werden als loses Puzzle vorgezeigt: die Einsamkeit, die Naturverbundenheit, die Kleidung und die Waffe, die Sprachlosigkeit, Jagdinstinkt und Gewaltbereitschaft, Trinkfestigkeit, Reittalent, Tabak, offenes Feuer, schlechtes Essen, Narben vergangener Kämpfe, die Sehnsucht nach dem eigenen Stück Land.
Aber es sind nur Zitate in einer Geschichte in der die Helden selbst keine Cowboys mehr sind. Sie sind die zurückgelassenen Findelkinder dieser männlichen Urmythen; seelisch misshandelt, missbraucht und allein gelassen.
Dennoch haben sie eines gemeinsam mit ihren Legenden umrankten Vorfahren: auch sie sind Pioniere. Pioniere in einem Land in dem der höchste Wert „Freiheit“ heißt. Aber während der sagenumwobene „Wild West Mann“ im Namen der Freiheit die Verantwortung mitzutragen hat für eine ethnische Säuberung, die einen ganzen Kontinent betraf, kämpfen diese beiden Pioniere an der Front der eigenen persönlichen Freiheit: die Freiheit ganz diejenigen sein zu dürfen, die sie sind. Und wie so viele Pioniere der menschlichen Freiheit vor und nach ihnen scheitern sie an der Norm der gesellschaftlichen Realität einerseits, und andererseits an der Orientierungslosigkeit und den Zweifeln die ihre Seelen befallen, als sie an den Rand der bekannten Welt treten.
Brokeback Mountain ist kein Film über Schwule. Die Meisterleistung dieses Films besteht gerade darin, diese Grenze nicht zu beachten. Das Geniale daran, wie Ang Lee diese Geschichte erzählt, ist, dass sie von Homosexualität handelt, ohne sie zu thematisieren. Der blinde Fleck kommt dadurch ins Gesichtsfeld, dass man den Fokus nicht darauf lenkt. Kaum sieht man hin, verschwindet er. Das hat Lee erkannt und die Kamera nicht genau drauf gehalten. Wo immer das in letzter Zeit passiert ist, sind die monströsen Zerrbilder aufgetaucht, die allerorts die Leinwände und Bildschirme füllen: der Schwule wird aus dem Sumpf der Perversion gerettet und dafür zur Lachnummer gemacht oder in den Olymp versetzt, als der bessere, witzigere, charmantere Mann.
Ang Lee umschifft gekonnt diese Klippe des klischeehaften schwarz/weiß Denkens. Seine Männer sind in Farbe. Sie haben ein Leben, das sie zu gestalten versuchen, irgendwo zwischen Sehnsucht nach dem Glück und Entfremdung durch die Realität. So wie wir alle.
Brokeback Mountain ist kein Film über Cowboys. Es ist kein Film über Schwule. Es ist ein Film über die Sehnsucht des Menschen nach täglich gelebter Liebe. Über die Sehnsucht, in Übereinstimmung mit der eigenen inneren Wahrheit zu leben. Und über die Kräfte, die diese Sehnsucht ersticken.