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Elisabethtown

Die Rückkehr des Schwarzwaldmädels

Es gibt Filme, an denen kann man ablesen, wie es um die Gesellschaft bestellt ist, in der sie entstehen. Wie schlecht muss es um die spirituelle Verfassung einer Gesellschaft bestellt sein, wenn sie solche Filme braucht? Es gab in der Zeit nach dem großen Krieg in Europa eine Fülle von Produktionen, die alle einem bestimmten Schema folgten. Filme, die eine bessere, heilere, unschuldigere Welt verhießen. Filme, die damals notwendig waren, um den Menschen angesichts des Elends Hoffnung zu machen. Die Naivität und die Unschuld des Mädels aus dem Schwarzwald war der heilende Zuspruch für die Wunden des Krieges. Ein Ansporn, um für eine bessere Welt zu arbeiten.

Wenn „Elisabethtown“ ein Erfolg wird, dann kann ich nur annehmen, dass das derzeitige spirituelle Elend der realen Armut der Nachkriegszeit gleicht. Sonst würden wir diese Filme nicht brauchen.

Was für eine unglaubwürdige Geschichte. An diesem Film ist einfach alles oberflächlich: der selbstverliebte Hauptdarsteller, die verwirrten Nebendarsteller, die seichte, pseudospirituelle Story. Hier wird das existentielle Drama von Tod und Liebe heruntergeschraubt auf pubertäres „Eis am Stiel“ Niveau. Das tut weh.

Die Handlung des Films ist schell erklärt: Ein junger Mann verliert seinen Vater, seine Geliebte, seine Arbeit und findet dadurch zu sich selbst und zur wahren Liebe. Ein spirituelles Lehrstück, sollte man meinen. Aber Ben Kingsley spielt leider nicht die Hauptrolle.
Orlando Bloom ist eher die beste Besetzung für einen Teenager Film über pubertäre Liebeleien in einer geschützten Werkstatt.
Warum Susan Sarandon sich für diesen Film hergibt, bleibt ein Rätsel.
Beginnen wir mit der zentralen Figur des Possenspiels: Orlando Bloom. Das immanente Dilemma der Figur, die er zu spielen versucht wird am Deutlichsten in einem kurzen Dialog mit seiner neuen Liebe im letzten Drittel des Filmes, als er ihr den Umfang seines „Versagens“ zu verdeutlichen sucht. In den wenigen Worten, die in dieser Szene gewechselt werden kulminiert die gesamte Hilflosigkeit der Rolle die ihm zugedacht wurde. Das Geständnis seiner Unfähigkeit bricht nicht aus ihm heraus, überwältigt ihn nicht, sondern er berichtet davon. Er erzählt über sich, nicht aus sich heraus. Er sieht sich zu. Er erzählt von seinen innersten Nöten quasi aus der Perspektive der Presse, die darüber berichtet. Kein eigenständiges Ich. Nur ein Nachplappern von Gefühlen, die man an dieser Stelle haben müsste. An diesem Mangel an Echtheit scheitert der ganze Film.
Wer keine eigenen schmerzvollen Gefühle hat, kann auch nicht von ihnen befreit werden. Den spirituellen Pfad zum Heil gibt es nur für den, der persönliches Leid tief empfindet.
Wer lediglich das Gefühl hat, an einer bestimmten Situation leiden zu müssen, begegnet keinem Heiler, sondern einer Person, die glaubt jemanden heilen zu müssen: Kirsten Dunst.
Ihre Beziehung beginnt am Telefon. Das stundenlange Telefonat zwischen den beiden ist wohl kaum anders zu deuten als ein Zugeständnis an jenen erwarteten Teil des Publikums, der als moderner Tele-Teenager Liebesangelegenheiten per sms regelt.
Wer diesem Alter entwachsen ist und eine reife Liebesbeziehung sucht, wird hingegen bitter enttäuscht. Da Bloom mit seinen überlebensgroßen künstlichen Gefühlen die Leinwand füllen muss, blieb für Dunst nur noch die Rolle der gesichts- und geschichtslosen Frau ohne Namen.
Sie verbringt ihre Zeit damit, Leute mit dem geistigen Auge zu fotografieren und hinter ihrem Rücken in stunden- und tagelanger Kleinarbeit genaue road maps zum Lebensglück zu entwerfen. Dazu qualifiziert sie...was? Man weiß es nicht. Wie gesagt, die Frau hat keine eigene Persönlichkeit. Sie ist nur da, um anderen zu sich selbst zu helfen.
Wo hat es je so einen Menschen gegeben? Und sollte es je einen gegeben haben, wie sollte man mit so einem unfassbaren Wesen in Beziehung treten? Wir werden es nie erfahren, denn der Vorhang fällt bevor die Liebe gelebt werden muss.

Und dann ist da noch Susan Sarandon. Ihr Beitrag zu diesem Trauerspiel wider willen ist die unglaublichste Verwandlung seit Kafkas Käfer. Sie reiht sich nahtlos ein in die Reihe an Figuren in diesem Film, die aus nicht einsichtigen Gründen völlige Verwandlung erfahren. Während sie zu Beginn als hoffnungslose Neurotikerin eingeführt wird, die völlig in ihrer eigentümlichen Interpretation der sie umgebenden Realität eingeschlossen ist, wächst sie aufgrund völlig unklarer Ursachen am Ende geradezu über sich hinaus und wird wie durch Zauberhand zu einer Meisterin des Überblicks über sämtliche Realitäten. Doch nicht nur auf geistiger Ebene wird dieser Schauspielerin zugemutet einen völlig unerklärlichen Quantensprung zu vollführen, nein, auch emotional verändert sich diese Frau in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit vom autistischen Grenzfall zum Kommunikationsgenie.
Heile Welt. In Elisabethtown ist, wie damals im Schwarzwald, alles möglich.