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Gefahr und Begierde

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Ang Lees Film ist ein großartiges Fallbeispiel für Adornos viel zitierte Aussage, dass es im falschen Leben kein richtiges geben kann. Ang Lee stellt seinen Zusehern hier erneut die Frage, ob nicht alles, was mit einem falschen Leben in Berührung kommt ebenfalls zur Falschheit gezwungen wird. Ein Zwang, der einem nur zwei Alternativen lässt: entweder du kollaborierst oder du stirbst.

Mit diesem Thema wird Ang Lees neuer Film wohl Eines mit Sicherheit nicht: der Liebling des Publikums. Der Anspruch ist hoch, die Geschichte spröde, das Tempo passend zum Thema: langsam wie in einem Strudel, der sich ganz allmählich zu drehen beginnt, bevor er einen jäh in den Abgrund reißt.

Für Freunde des Films als Kunstwerk, und für Erforscher der menschlichen Seele, ist die Geschichte von „Gefahr und Begierde“ ein Lehrstück. Ein Denk-mal am Außenposten der menschlichen Beziehungen, wo das alltägliche Zusammen-Sein in die Grenzbereiche der Liebe übergeht. In diesen Grenzbereichen wandelt Lee mit Vorliebe in seinen jüngsten Filmen. In „Hulk“ war es der Zorn, in „Brokeback Mountain“ die Freiheit, diesmal widmet er sich der Frage nach der Möglichkeit der Liebe in Zeiten des Verrats.

Dabei schafft es Lee mit eindringlichen Bildern und Dialogen, die Bedeutung des Wortes Verrat geradezu körperlich spürbar zu machen. Am Ende des Schauspiels spürt der Zuseher den Schock des Verrats am eigenen Leib. Man verlässt den Saal und fühlt den Verrat. Der Vorhang fällt, und man bleibt mit der Frage nach Alternativen zurück, mit dem Gefühl, das darf doch nicht wahr sein.

Wie so oft ist die Rahmenhandlung – die Geschichte eines Mordkomplotts ausgedacht und angespielt von einer Truppe von Dilettanten – nur der Hintergrund, vor dem sich die eigentliche Geschichte abhebt. Die eigentliche Geschichte ist mehr eine Innenweltschau, ein Psychogramm: ein Einblick in die Dynamik eines Lebens das auf Verrat basiert. Verrat am richtigen Leben.
Existentiell gesehen, ist der eigentliche Inhalt des Filmes die Gefühlswelt und die Beziehungen eines Mannes, für den „Verrat“ der bodenlose Grund allen Lebens geworden ist.
Lee präsentiert uns eine detaillierte Darstellung einer ebenso bedauernswerten wie weit verbreiteten Art zu leben: als Fremder. Camus selbst hätte das Leben als existentiell Fremder nicht besser ins Bild setzen können.

Die fragile Gefühlswelt eines existentiell Fremden ist ständig doppelt bedroht: durch Gefahr von außen, durch Begierde von innen. Gefahr und Begierde: Ang Lee holt die Gefühls-Realität des sich selbst und anderen fremd gewordenen Mannes aus dem Dunkel der Psyche und projiziert sie in großen Bildern auf die Leinwand.

Der existentiell Fremde entspringt einer Welt im Krieg; einer Welt ohne Vertrauen und ohne Mitgefühl. Wer dazu bestimmt ist, ein existentiell Fremder zu werden, der muss in dieser Welt überleben, bevor er für sich selbst kämpfen kann. Wer ohne zu kämpfen überleben muss, der lernt tarnen und täuschen. So beginnt das Leben eines Verräters in einem initialen Verrat an sich selbst. Es ist die eigene Hilflosigkeit eines kleinen Kindes, die für den späteren Verräter die Welt als einen Ort erscheinen lässt, in der es nur eines gibt: Gefahr. Erst die spätere Verdrängung dieser ursprünglichen Hilflosigkeit und des Kontaktwunsches der dahintersteht macht dann in einem zweiten Schritt den Verräter zum existentiell Fremden, der keinen Kontakt zu den Menschen mehr finden kann und im Misstrauen erstarrt.

So beginnt dann im zweiten Akt das "falsche Leben". Hier beginnt Ang Lees Film. Der Fremde ist am Höhepunkt seiner einsamen Macht. Der Fremde hat den Krieg den er braucht und um ihn herum polarisieren sich die Menschen in zwei Lager: ebenso misstrauische Gegner und naive Opfer.

Im Umfeld einer verräterischen Persönlichkeit, eines existentiell Fremden, gibt es nun kein "richtiges Leben" mehr. Wer sich auf diese Person einlässt, dem bleiben nur zwei Alternativen: Mitwisser sein oder naives Opfer werden. Die Tatsache, dass es immer wieder Opfer gibt, ist für den Verräter eine Bestätigung seiner Haltung. Es ist der Beweis, dass es unklug wäre, die Deckung fallen zu lassen. Die „Naiven“ bestätigen den Verräter in seiner Lebensweise in doppelter Hinsicht: zum einen weil sie die Opfer sind, ohne die die „dunkle Seite“ im Leben eines Verräters nicht lebbar wäre, zum anderen weil sie eben dadurch dass sie immer wieder zu Opfern werden den Glauben bestärken, dass es dumm wäre zu vertrauen. Misstraue allen! ist die Maxime des Verräters.

Neben dem grundsätzlichen Misstrauen gibt es noch ein zweites Kriterium, das den existentiell fremden Verräter kennzeichnet: der Glaube an Ideale, an „höhere“ Zwecke.
Im Gegensatz zu Schurken, Gaunern und Banditen haben Verräter Ideale. Große Ideale. Ideale, die Opfer fordern. Zwecke, die alle Mittel heiligen. Pflichten, die erfüllt werden müssen. Utopien, die wichtiger sind als die hier und jetzt lebbare Menschlichkeit.
Es ist die Größe seines Ideals, die dem Verräter seine eigene Größe verleiht. Innerlich ist er ein kleines hilfloses Kind geblieben, und nur die Größe seines Ideals verleiht ihm eine eigene hohle Größe. Das Ideal ersetzt das "Ich". Wenn dieses Ideal enttäuscht wird, dann entstehen Zyniker. Die alltägliche Form des Fremden. Wenn dieses Ideal andererseits fanatisch überhöht wird, dann entstehen Selbstmord-Attentäter. In Zeiten des Krieges - wie im Film von Ang Lee - ist das Ideal die Rechtfertigung zum Mord.

Aber nicht nur Gefahr von außen bedroht den existentiell Fremden. Seine Kontaktnot hat auch noch eine weitere ungewollte Nebenwirkung: der zutiefst menschliche Wunsch nach Kontakt wächst sich zur unkontrollierbaren Begierde aus.

Für echte Liebe ist im Leben des Fremden kein Platz. Liebe braucht Vertrauen. In einem verräterischen Leben ist das unmöglich. Daher führt der Verräter auch in diesem Feld ein Doppelleben. Eine Ehe, die auf einer kalten Abmachung beruht, die beiden Seiten Vorteile bringt und Affären, in denen die Begierde, die Gier nach Kontakt aufbricht. Sexualität wird zum Pflichtakt einerseits, zum gewalttätigen Akt der Begierde andererseits. Der aggressiv aufgeladene sexuelle Kontakt wird dann das Letzte, was noch gefühlt werden kann. Ein Ventil. Freud würde sagen: der sekundäre Krankheitsgewinn.

Eines zeigt aber auch Ang Lee ganz klar: wer sich als Frau auf dieses Spiel einlässt, stirbt. Tatsächlich oder emotional. Und es sind nicht wenige. Denn gerade der Typ „geheimnisvoller Mann“, der Unnahbare, der seinen Weg geht, zieht einen bestimmten Typ Frau an. Frauen die ihm sehr ähnlich sind. Frauen, die sich auch „klein“ fühlen, die daher etwas „Großes“ schaffen wollen, die ein „Opfer“ bringen wollen, um eines großen Ideals willen. Was sie nicht wissen oder nicht wissen wollen: am Ende des Stücks werden sie selbst Verräter oder Opfer sein und weder der Mann noch die Welt wird sich geändert haben. Im Gegenteil: der Mann wird sich nur einmal mehr bestärkt fühlen, dass er nicht um seiner selbst willen sondern um eines Ideals willen geliebt wurde. Einmal mehr verraten. Und die „Welt“ wird sich fragen – wie die Zuseher am Ende des Filmes: wie konnte sie nur so naiv sein?
Mitwisser oder naives Opfer. Es gibt keine anderen Rollen in diesem Stück. Punkt.

„Mein Leben für das Ideal“ ist ein Stück, das nicht nur im Theater, sondern auch auf der Bühne des Lebens oft gegeben wird. Mit den immer gleichen Protagonisten und den immer gleichen Abläufen. Ein typisches „Un-Liebesspiel“. Die Folgen sind nicht immer so dramatisch und brutal wie in Lees Film, aber wo es gespielt wird, wird auch gestorben. Es „sterben“ Seelenanteile, Gefühle, ein Stück echter Menschlichkeit.
Wir werden üblicherweise erst dann darauf aufmerksam, wenn die Medien wieder über eine „menschliche Katastrophe“, einen Amoklauf im familiärem Umfeld berichten. Der psychologische Hintergrund zu diesen Bluttaten ist meist Verrat. Der tägliche kleine Verrat führt auch manchmal zur endgültigen Katastrophe.

Man verlässt das Theater ent-täuscht. So viele Opfer. So viel Blut, soviele Tränen. So große Ziele. Und wer gewinnt? Ein seelenloser Zombie.

Lee zeigt keinen Ausweg aus diesem Sog von Misstrauen und Gewalt. Er stellt nur die Frage erneut: gibt es ein richtiges Leben im Falschen? Ist es möglich, aus dem Spiel auszusteigen, ohne naiv zu sein und ohne sich die Hände schmutzig zu machen?
Eine Sache sollte man dabei nicht übersehen. Die Geschichte beginnt mit: wir befinden uns im Krieg...
Wer das glaubt, muss vielleicht wirklich auch den Rest glauben. Aber ist der „bellum omnia contra omnes“ eine Tatsache?

Zum Weiterlesen:
Wolfgang Schmidbauer:             Alles oder Nichts. Über die Destruktivität von Idealen.
Albert Camus:                      Der Fremde.
Theodor W. Adorno:            Minima Moralia.