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Ice Age 2

Therapie für Alle

Dieser Film macht es mir fast zu leicht, denn Inhalt, Struktur und Sinn lassen sich in drei Worten zusammenfassen: Wege zum Heil.
Die Handlung, das Ziel und die Metapher des schmelzenden Eises, einfach alles wiederholt dieses Thema. Dabei werden praktisch alle bekannten Heilswege vorgeführt: Pädagogik, verschiedene Formen von Therapie und die Vorstellung von einer Erlösung im Jenseits. Zusammengehalten durch Witz und Tempo ergibt das ein kurzweiliges Filmchen.
Bereits der Titel und das Setting lassen psychologisch geschulte Wahrnehmer ahnen worum es geht: „Jetzt taut’s“. Die sprichwörtliche eiskalte Mauer, die sich um die Lebendigkeit gelegt hat beginnt zu bröckeln. Der Ozean, das Symbol der Weite und der Gefühle, bricht über die bekannte Welt herein, mit einer Wucht vor der sich das bewusste Ich (in diesem Fall „das innere Team“) zunächst retten muss um zu überleben.
Man erinnert sich an Bubers „Eisenringe“, die sich um das Herz legen und die gesprengt werden, wenn der Mensch lebendig wird. Eine Metapher des heil Werdens die sich eingebürgert hat. Mit dieser Metapher spielt der Film, indem er alle Protagonisten therapeutische Erfahrungen im weitesten Sinne machen lässt.
Am Augenscheinlichsten ist das bei Elli, dem Mammutweibchen. Sie durchläuft im Beisein ihres abstinent liebevollen Beraters (für Profis: der von einem reflecting team gestützt wird) die klassischen Phasen einer Therapie: Verdrängung, neurotische Umdeutung aller handfesten Beweise ihrer Wahnwelt, Rückführung zum kindlichen Trauma, dem Ursprung der Persönlichkeitsstörung, Einsicht und Erlangung von Liebesfähigkeit und Beziehungsfähigkeit.
Auch ihr Pendant, Manfred das Mammut, erfährt Heilung. Wenn auch auf völlig anderer Basis. Ihm steht eine provokative Therapie ins Haus, verabreicht von Sid dem Faultier. „Wenn du weißt, dass deine Spezies ausstirbt, klatsch zweimal!...“ Sid erreicht schließlich, dass Manni sich doch einmal in den Spiegel sehen muss um sich zu fragen, ob er wirklich will, was er da tut. Und in diesem Moment bekommt er den entscheidenden Anstoß: „Du musst deine Vergangenheit hinter dir lassen, wenn du eine Zukunft haben willst.“
Perfektes Timing Herr Dr. Sid.
Parallel dazu therapiert Sid aber auch Diegos Wasserphobie. In diesem Fall verzichtet er aber auf provokativ therapeutische Elemente (Diego ist Fleischfresser) und setzt auf NLP. Dazu schraubt er zunächst Diegos existentielle Angst herunter auf ein pragmatisches Problem. Für Profis: es gelingt ihm ein Reframing des Schwimmens. Schwimmen ist keine unnatürliche Überlebenstechnik sondern eine natürliche Bewegung. Das Reframing gelingt, weil Sid in diesem Fall ressourcenorientiert arbeitet. Indem er an bekannte Stärken und vorhandene Bewegungsmuster des Tigers anknüpft (sich an die Beute anschleichen) macht er es dem Patienten möglich, seine Angst zu überwinden.
Zuletzt wird aber auch der Therapeut therapiert. Sid’s Selbstwertproblem bleibt nicht unentdeckt und wird durch die gestalttherapeutische Methode „Gegenerfahrungen machen“ relativiert. Ganz im Sinne Watzlawicks darf Sid die Erfahrung „Vom Schlechten des Guten“ machen. Zunächst erfährt er Ruhm, Respekt und Erfolg. Er kann die Massen mitreißen und nach seiner Pfeife tanzen lassen. Dann muss er aber auch die Schattenseiten des Ruhmes erfahren, wenn sich die Massen gegen ihn verschwören und er ebenso tief fällt, wie er zuvor aufgestiegen ist. Nach dieser überkompensierenden Erfahrung fühlt sich dann – ganz im aristotelischen Sinne - das Leben in der Mitte zwischen den Extremen wieder gut an.
In irgendeinem Sinne gerettet, eines Besseren belehrt oder eben geheilt werden in diesem Film schließlich alle:
Die schlimmen Kinder, die angesichts der drohenden Katastrophe zur Vernunft kommen.
Die Gesellschaft der Tiere als Ganzes, die nicht mehr dem marktschreierischen Betrüger zuläuft, sondern dem Wort derer vertraut, die wahrhaft gesehen haben.
Die Opossums, die einsehen müssen dass auch die Jagd nach Adrenalin Grenzen hat.
Scrat der Nussjäger, der in einem Nahtodeserlebnis erfährt, dass seine Wünsche im Jenseits erfüllt werden.
Die Geier, die die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben.
Und sogar die ultimativ Bösen, die Teufel; die Mächte, die stets das Böse wollen und wieder einmal das Gute schaffen.
Einziges Opfer: die Schildkröte. Sie bleibt allen Heilsangeboten zum Trotz zurück und muss die dafür festgesetzte Strafe erdulden.
Die Moral von der Geschicht’: Wer nicht hören will muss fühlen.