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KING KONG
Szenen einer Ehe
Das Wichtigste gleich vorweg: King Kong ist kein Actionfilm. Es ist ein Beziehungsfilm und Peter
Jackson setzt ihn psychologisch stimmig um. Für die tiefere Aussage
des Films sind die spezial effects nebensächlich. Ein Spleen des
Regisseurs; ein Lockmittel für die – meist männlichen
– Kinogeher. Nicht mehr. Deshalb möchte ich darüber auch
kein weiteres Wort mehr verlieren.
Die ursprüngliche Version dieser Geschichte hieß: King Kong
und die weiße Frau. Aus gutem Grund. Es ist das „UND“
das die beiden Protagonisten verbindet, das dem Film den Pivot gibt. Es
ist gerade nicht der alleinige Fokus auf den Riesenaffen und seine Mätzchen,
wie im Erfolgsrezept der sonst eher einfallslosen Riesenechsenfilme der
jüngeren Zeit.
Dennoch zieht diese Liebesgeschichte vermutlich wenige Frauen an. Schade
eigentlich, denn als Warnung für sie könnte man diesen Film
durchaus ernst nehmen.
Das Grundmuster der dargestellten Beziehungsgeschichte ist bekannt: die
Schöne und das Biest. Allerdings ohne Happy End. Das Biest wird nicht
erlöst, sondern getötet. Und so wird aus der „Affenliebe“
ein Beziehungsroman, der uns die Szenen einer zwangsläufig zum Scheitern
verdammten Beziehung in großen Bildern vor Augen stellt. In den
Hauptrollen: die ohnmächtige Schöne, der wütende Macho
und – für den Handlungsverlauf entscheidend – ihre Gesellschaft.
Um diese Fabel ins rechte Licht zu rücken müssen wir vom Augenscheinlichen
absehen. Der Kong ist kein Riesenaffe. Der Affe ist lediglich metaphorisch
überhöhter Ausdruck eines Fleisch gewordenen Lebensgefühls:
kalte Wut. Den Mann hinter der Affenmaske muss man sich als jemanden vorstellen,
der sehr früh lernen musste, dass er allein in einer feindlichen
Welt lebt. Seine Aggression und die Unterdrückung aller weichen Anteile
haben ihm das Leben gerettet, haben ein Muster programmiert das ausdrückt:
Ich bin hier der Stärkste. Wer sich mit mir anlegt wird es bereuen.
Wichtig für diese Lebensgeschichte auch „die Insel“.
Nie kam jemand von außen, um ihn zu unterstützen. Keine Fürsorge,
kein Jugendamt, kein Psychologe, kein Freund. Nur die Insel. Die Welt
voller Monster in seinem Inneren, die er beherrscht, und irgendwann beherrschen
muss, weil er nichts anderes gelernt hat.
Und so könnte es ja weiter gehen wenn nicht... ja wenn er nicht eines
Tages auf SIE treffen würde: sein Gegenstück, die ängstliche,
zerbrechliche, hilflose schöne Jungfrau. Mit ihrem Zusammentreffen
ist die Vorgeschichte beendet und die Tragödie beginnt.
Die Geschichte „wütender Mann trifft zerbrechliche Schönheit“
geht schief. Zwangsläufig. Funktionieren kann so eine Liebe nur in
Disneyworld, wo die Liebe der Jungfrau die Wut des Tieres transformiert
und sie den Märchenprinzen als Lohn für ihre Bemühungen
empfängt. Im echten Leben spielt es das nicht. Hier folgt diese verhängnisvolle
Begegnung einer anderen Logik, die nicht so blumig endet: wenn sie nicht
getrennt werden stirbt sie, oder er, oder beide. In manchen besonders
schlimmen Fällen auch noch ihre Kinder. Wobei „sterben“
auch die völlige Selbstaufgabe bedeuten kann, in Depression oder
Drogenmissbrauch.
Der Film folgt hier sehr genau der psychodramatischen Logik und entscheidet
sich zuletzt für den Ausgang: er stirbt.
Was sind nun die markanten Stationen dieses Beziehungsdramas, das sich
dem Zuseher von Beginn an unmöglich offenbart dank der affigen Verfremdung
des männlichen Parts?
Die Vorgeschichte ist, wie gesagt, wichtig. Der Mann der um sein Leben
kämpfen musste (und viele Narben davon trug) und die Frau die durch
ihr eigenes Leben stolpert wie durch einen Film. Als sie aufeinander treffen
passiert etwas, das alles weitere verändert: der Mann der immer um
alles kämpfen musste, bekommt von seiner Gefangenen ein Geschenk.
Das haut den stärksten Affen um. Er spürt die Gefahr, ahnt,
dass dieses Geschenk von den Griechen kommt. Er wehrt sich, er brüllt
und stampft und droht. Warum? Er hat doch keine Angst vor dem kleinen
Schnuckelchen vor ihm. Nein, hat er nicht. Er wehrt sich vielmehr gegen
das Gefühl das er im Inneren spürt: Zuneigung. Instinktiv weiß
er, dass dieses Gefühl in dieser Welt sein Untergang sein wird. Er
wehrt sich. Vergeblich.
Und Sie? Sie hat Angst. Sie ist zugleich erschreckt und fasziniert vor
der Urgewalt des Kong. In ihrer Panik durchläuft sie die typischen
Reaktionen des Opfers: flüchten, tot stellen und schließlich...
anpassen. Sich selbst zum Affen machen. Das wirkt. Das stellt Beziehung
her, macht den Affen berechenbar und wer weiß, vielleicht einmal
kontrollierbar? Das Band ist geknüpft und von hier an steht fest:
wenn sie nicht getrennt werden, wird einer oder beide sterben müssen.
Aber dazu kommt es erst im letzten Akt. Zunächst entwickeln sich
die Dinge positiv. Er darf ihr Beschützer sein. Das kann er. Das
hat er sein Leben lang gemacht. Sie darf die Hilflose sein. Das kann Sie,
auch sie hat ihre Lebensrolle gefunden. Das Band zwischen den beiden wird
stärker. Er rettet sie vor den Bösen, sie dankt es ihm durch
körperliche Zuwendung. Im Leben werden in dieser Phase Kinder gezeugt.
Im Film gibt sie sich völlig „in seine Hand“. Pause.
Glück. So weit, so gut.
Auf den Plan treten die „Umstände“. Ihre Gesellschaft.
Die Welt. Besserwisser, Möchtegern-Beschützer und Profitgeier.
Die Protagonisten reagieren auf diese Umstände gemäß ihrer
Programme: der Kong wird sauer, die Schöne weiß nicht so recht.
An dieser Stelle wäre ein vorzeitiges Ende möglich. Das Paar
wird getrennt und jeder lebt weiter in der Welt die er kennt. Möglich,
aber langweilig. Zu tragischen Verwicklungen kommt es nur dann wenn, aufgrund
welcher Umstände auch immer, zwei nicht voneinander lassen können.
Also geht die Geschichte weiter ihren Gang bis zum bitteren Ende, der
Moral von der Geschicht’.
Im zweiten Akt verliert sich die Schöne in ihrer „ich kenn
mich jetzt gar nicht mehr aus“ Rolle, während der Kong gezwungen
ist, sich sein Verlust- und Versagenstrauma vor Augen führen zu lassen.
Man kann sich gut vorstellen, wie auch im richtigen Leben die Szene seiner
Niederlage immer wieder vor seinem geistigen Auge abläuft. In Ermangelung
anderer Programme passiert sodann, was passieren muss: das Trauma trifft
auf die Wut und startet das Zerstörungsprogramm. Nur dass er diesmal
nicht mehr auf seiner Insel ist, sondern in einer Welt, wo seine Regeln
nicht mehr gelten. Er sieht es nicht. Dafür ist es bereits zu spät.
Seine Wut sagt: du hast das Wertvollste verloren, das du je besessen hast.
Aber sie verschweigt ihm, dass dieses „wertvolle“ Geschenk
ein Kind der Angst war. Panische Angst gepaart mit hilfloser Orientierungslosigkeit.
Alles egal. Das Überlebensprogramm läuft.
Der letzte Akt beginnt mit einem psychologischen Coup: der Wiedervereinigung.
Rührend dargestellt und treffend ausgedacht. Ein letztes Mal versuchen
die Beiden ihre Scripts zu ändern um zu retten, was noch zu retten
ist. Aber alles wozu sie es bringen sind Variationen des gleichen Spiels:
Macht und Hilflosigkeit. Auch wenn sie einmal die Mächtige sein darf,
wenn er einmal das Baby ist... die Ereignisse überschlagen sich,
es gibt keinen Ausweg mehr.
Zuletzt ergreift er die Initiative und kehrt zu dem Verhalten zurück
das er kennt. Auch wenn es mehr aus Trotz denn aus echter Überzeugung
geschieht. Er kann nicht mehr anders, auch wenn er weiß, dass es
nichts bringen wird. Er spielt noch einmal den Macker, sie bleibt ratlos
und hilflos. Die Umstände erledigen den Rest.
Der Todeskampf, der in einer echten Beziehung Jahre dauern kann, dauert
dann nur ein paar Gewehrsalven und einen Zeitlupensturz lang.
„Schönheit hat das Biest getötet“.
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