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Matchpoint und Scoop

Dostojewskijs Erbe

„Matchpoint“ und „scoop“ sind zwei Kapitel derselben Geschichte, die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt:
Matchpoint zerstört den Sinn allen menschlichen und liebevollen Handelns, da die Welt ohnehin vom Zufall regiert wird und es keine Gerechtigkeit gibt. Scoop zeigt die angemessene Haltung gegenüber dieser Hölle : die Satire.


Das ist alles. Das wars. Damit ist im Wesentlichen alles gesagt. Beide Filme bringen ihre Botschaft meisterlich auf den Punkt und ich empfehle sie nachdrücklich.
Hier weiter lesen sollten Sie deshalb nur, wenn Sie die Vor-Geschichte zu diesen Filmen interessiert, die Tradition in der sie stehen. Denn das Thema das Allen hier aufgreift ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist die Frage nach dem SINN, den wir der Erfahrung von realer GEWALT zu geben vermögen. Einer der diese Erfahrung am eigenen Leib machen musste, war Fjodor Michailowitsch Dostojewskij.

22. Dezember 1849. An diesem Tag steht Dostojewskij seinem Erschießungskommando gegenüber. Nur wenige Minuten trennen ihn vom Tod. Kurz bevor der Feuerbefehl erteilt wird, erreicht jedoch die „Begnadigung“ des Zaren den Richtplatz, und Dostojewskij wird stattdessen ins Arbeitslager deportiert. Heute wird dieses Vorgehen Scheinhinrichtung genannt und fällt unter schwer traumatisierende „weiße Folter“. Stefan Zweig hat die Szene sehr eindringlich in den "Sternstunden der Menschheit" beschrieben, und Dostojewskij selbst hat sie in seinem Roman „Der Idiot“ verarbeitet.

Warum mit dieser Szene beginnen? Weil sie den fiktiven Inhalt von "Matchpoint" zu einer realen Begebenheit macht und dadurch eine existentielle Antwort, jenseits aller intellektuellen Spielchen verlangt. Dostojewskij war Philosoph, ein Verfechter echter Menschlichkeit und emotional zu außerordentlichem Mitgefühl fähig. Er konnte sich nicht einfach glücklich preisen, nur überlebt zu haben. Eine Antwort finden hieß für ihn, eine ERKLÄRUNG für die sinnlose Grausamkeit des Geschehens zu haben. Die Frage die hinter der Gewalt als Tatsache steht lautet: was, wenn mein Schicksal kein Einzelfall ist, sondern Ausdruck eines universellen Prinzips? Eines grausamen Prinzips, das besagt:

  1. Es gibt keinerlei erkennbare Verbindung zwischen dem Streben nach Menschlichkeit und der Gerechtigkeit die einem widerfährt.

  2. In der realen Welt triumphieren zumeist die bösartigen, pervertierten und machtbesessenen Menschen über die Träger der Menschlichkeit und der Güte.

Dostojewskij hat am eigenen Leib erfahren, dass dieses Prinzip Menschen vernichtet. Ein Gegenprinzip hat er gesucht, aber nicht erfahren. Sein verstörter Geist hat stattdessen weiter alles in Frage gestellt: was, wenn alle, die von diesem Prinzip verschont bleiben diesen Umstand nur zwei Bedingungen verdanken: der Unsichtbarkeit und dem Zufall? Dostojewskijs Frage, die auf direktem Weg in die Sinnlosigkeit des Daseins führt, lässt sich als These formulieren:

Ein gelungenes Leben ist kein Verdienst eines gottgefälligen Handelns und Denkens, sondern das Resultat einer Kombination von Unsichtbarkeit und Glück im (Lebens-) Spiel.
Was bedeutet das?

Unsichtbarkeit. Dostojewskij weiß, dass es möglich ist, ein menschenwürdiges und -würdigendes Leben zu leben. Solange man nicht auffällt. Gerechtigkeit im Kleinen ist umsetzbar, allerdings nur um den Preis der „Unsichtbarkeit“, d.h. solange man die Kreise der politischen Machthaber nicht stört. Wer es wagt, „Menschlichkeit“ zum Politikum zu machen, und in der Öffentlichkeit gehört wird, macht sich damit zur Zielscheibe politisch motivierter Gewalt. Dostojewskij steht mit dieser Ansicht nicht alleine, sondern weiß sich in einer langen Reihe des Denkens über Gut und Böse.

Schon Platon lässt den Sokrates in seiner (wie wir wissen, vergeblichen) Verteidigungsrede sagen:
„Ihr müsst nämlich wissen, ihr Männer von Athen: je früher ich mich darauf eingelassen hätte, Politik zu treiben, desto eher wäre ich auch zu Tode gekommen und hätte dann weder euch noch mir selber von Nutzen sein können. Und nehmt mir’s nicht übel, wenn ich euch die Wahrheit sage: kein Mensch ist seines Lebens noch sicher, der euch oder sonst einer Volksmenge offen entgegentritt und die zahlreichen Verstöße zu verhindern sucht, die von Staats wegen gegen Recht und Gesetz begangen werden – wer sich ernstlich für die Gerechtigkeit einsetzen will, muss unbedingt, wenn er auch nur kurze Zeit am Leben bleiben möchte, als Privatmann auftreten, nicht als Politiker.“
Sokrates hatte die Lage durchschaut und wurde zugleich eines ihrer prominentesten Opfer. Die weitere Liste ist lang. Sie reicht von Seneca und Christus bis zu M.L. King und Gandhi. Eine endlose Liste mutiger Männer und Frauen, die Dostojewskijs Grenzerfahrung zur grausamen historischen Realität machen. Wer aufsteht und Menschlichkeit zum sichtbaren Politikum macht wird vergiftet, erstochen, verbrannt, erschossen. Wer leben will, muss sich ducken.

Zufall. Die zweite, wesentlich größere Herausforderung an den Geist der Menschlichkeit ist die scheinbare Beliebigkeit der Gewalt. Gewalt trifft nicht nur prominente Vertreter politischer Ansprüche. Gewalt trifft ebenso kleine Kinder, schwangere Mütter, sorgende Väter; scheinbar wahllos. Gerade daran zeigt sich ja das Prinzip, dass sich keine Verbindung festmachen lässt zwischen Unschuldigkeit und Gewalterfahrung. Das Fehlen dieser Verbindung treibt die sensible Seele in den Wahnsinn. Dostojewskij trieb sie in die Spielsucht und wenn er es gar nicht mehr ertrug, übernahm die epileptische Gehirnstromregelung die Kontrolle über sein Bewusstsein.

In seinen Romanen hat er die Unfasslichkeit des Triumphs der beliebig grausamen Gewalt in vielen Figuren verewigt: Der Idiot, Die Dämonen und Die Brüder Karamasov sind hervorragende Beispiele. Aber in diesen Romanen hat Dostojewskij nur die Frage wiederholt, nicht die Antwort gegeben. Was, wenn Tugend sinnlos ist und es vom Zufall abhängt, ob das Böse triumphiert?

Mit dieser Frage stand Dostojewskij – und damit nähern wir uns wieder Woody Allen – in der Geschichte bei weitem nicht alleine. In jüngerer Zeit ist die Unmöglichkeit, Tugend und Gerechtigkeit zusammenzubringen sowohl zentrales Thema in Voltaires „Candide“, in de Sades „Justine“ und vor allem im Lebenswerk Friedrich Nietzsches. „Lösungen“ gibt es nicht. Voltaire flüchtete in die Satire, de Sade in die Perversion und Nietzsches Geist erlosch endgültig, als er mit ansehen musste, wie eine weitere unschuldige Kreatur Opfer menschlicher Brutalität wurde.

Und damit komme ich zum Schluss dieser langen Vorgeschichte, die man kennen muss, um Allens Filme zu würdigen. Woody Allen steht als vorläufig letzter in einer langen Reihe von Menschen, die mit der Frage nach dem Sinn der Gewalt ringen. Innerhalb dieser Reihe steht seine Antwort Voltaire näher als Nietzsche, das beweist „scoop“. Allen antwortet: der Tod hat uns alle längst in der Hand, aber während er uns vom absurden Diesseits ins unbekannte Jenseits befördert, bleibt immer noch Zeit für ein paar Taschenspielertricks und eine Prise Galgenhumor.

Die Frage bleibt aber bestehen und richtet sich wie eh und je an den Einzelnen:
Stehst du auf oder duckst du dich?
Verdankst du dein Glück dem Zufall oder hast du es dir verdient?