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Stirb Langsam 4.0

God bless America

Haben sie es bemerkt? Haben Sie den leichten Stich bemerkt, die Verblüffung, als klar wurde, worum es den Schurken in diesem Film ging? Dieses leichte Unbehagen? Die Unglaubwürdigkeit? Da hat jemand gerade die Kontrolle über Amerika ergriffen und wozu nützt er sie? Er versucht, das Geld aus dem Sparstrumpf zu klauen. Das schmeckt nicht gut. Wir reißen die Weltherrschaft an uns, wäre doch wohl das Mindeste. Warum sich mit einer „Handvoll Dollar“ begnügen, wenn man „Die Welt ist nicht genug“ haben kann?
Ich nehme an, Sie haben über diese Kleinigkeit hinweg gesehen und haben versucht, sich wieder auf die Action zu konzentrieren. Ich auch. Es ist mir aber nicht gelungen. Ich hab angefangen nachzudenken. Und ich kam zu dem einzig möglichen Schluss. Am Ende dieses Filmes fehlt etwas Entscheidendes. Eine Einblendung wie wir sie aus dem österreichischen Fernsehen kennen. Eine Einblendung die lauten müsste: Sie sahen eine Belangsendung der republikanischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika.

Aber der Reihe nach: wer Action Kino kritisiert, sollte keine dramaturgischen Maßstäbe anlegen. Daher zunächst ein paar Worte zum Film aus der Perspektive des Action Kinos. In dieser Hinsicht kann ich mich leider nicht der Mehrheit der Kritiker anschließen, die hier großartige Action gesehen haben wollen. Bruce ist cool, das stimmt vermutlich, aber die Action ist lauwarm. Da ist wenig dabei, das man nicht schon zu oft gesehen hätte. Wir sehen natürlich den Action Klassiker, das Ich-laufe-ständig-durch-mörderische-Kugelhagel-aber bekomme-nie-einen-Kratzer-ab. Alt aber gut, könnte man sagen, wenn nicht ein gewisser John Rambo und unzählige andere dieses Stück schon so oft gegeben hätten, dass ihre Zahl die Zahl der Geschoße übersteigt, die den Hauptdarsteller verfehlen. Und dann ist da natürlich auch das Moment der Gewalt gegen schöne Frauen. Auch nicht neu. In diesem Fall hat Konkurrent James Bond schon vor Jahren neue Maßstäbe gesetzt als er kurzerhand die Kino Geliebte einer ganzen Generation – „La Boum“ Prinzessin Sophie Marceau - abknallt. Und darüber hinaus sei es auch angemerkt: sogar Otto Waalkes und die sieben Zwerge allein im Wald haben inzwischen gezeigt, wie unterhaltsam Gewalt gegen schöne Frauen ist. Schach. Matt.

Dann bliebe da noch die Idee ein Taxi auf einen Hubschrauber zu katapultieren. Das ist nun wirklich interessant. Vor allem, wenn man sich - wie gesagt – in einer Belangsendung befindet. Da drängt sich eine Parallele zum jüngsten Trauma der amerikanischen Geschichte geradezu auf. Ganz nach dem Motto: wenn ihr Flugzeuge gegen unsere Häuser benutzt, dann holen wir eure Flieger mit dem Auto (dem Ursymbol amerikanische „Freiheit“) vom Himmel. Auge um Auge. Oder, wie es ein bekanntes Spottlied ausdrückt: anything you can do, we can do better.
An Genre internen Maßstäben gemessen bietet S.L. 4.0. also wenig mehr als eine Zitatensammlung, klassische Klischees und eine Umkehr der 9/11 Szene.
Interessant wird der Film erst, wenn man ihn nicht als Fiktion betrachtet, sondern als bewusst eingesetztes Propagandamittel der Regierung Bush. In diesem Kontext machen dann viele Zitate erst Sinn und vor allem auch die Persönlichkeitsumwandlung des Hauptdarstellers. Denn John McClane war in den ersten Teilen der "stirb langsam" Folgen stets der Verteidiger der Freiheit des "kleinen Mannes", während er sich diesmal als Verteidiger der Gegenseite, des omnipotenten anonymen amerikanischen Staates präsentiert. Besonders auffällig ist dieser Seitenwechsel bereits im englischen Originaltitel: Live free or die hard. So könnte das Motto der Regierung Bush heißen: akzeptiere unsere Idee von Freiheit oder stirb.

Um diese Botschaft unters Volk zu bringen, und dabei auch noch gut auszusehen, nehme man einen regierungstreuen, beliebten Schauspieler und lasse ihn in einem Plot antreten, der die tatsächliche Wirklichkeit völlig auf den Kopf stellt. Eine typische Propagandasendung der politischen Rechten eben. Wie immer hauptsächlich damit beschäftigt zwei Botschaften zu vermitteln:
1. Wir sind die Guten.
2. Die Anderen können euch nicht vor den Bösen beschützen.
Einzig aus diesem Grund muss es den Terroristen zum Schluss ums Geld gehen, denn die „guten Werte“ – Familie, Freiheit, Gerechtigkeit – werden ja alle bereits von der über alle Zweifel erhabenen Regierung repräsentiert. Das ist natürlich Quatsch, wird aber konsequent durchgezogen: die Terroristen sind Regimekritiker aus dem eigenen Lager, die an der eigenen weißen Weste Zweifel anmelden; der Held ist der Mann von der Straße, der diese weiße Weste glaubhaft und glaubwürdig verteidigt. Wie passend, dass weiß, christlich, männlich die bevorzugten Attribute der Adressaten der real herrschenden Partei sind.

Das Ziel der Propagandasendung ist klar. Uncle Sam wants you. Die Regierung braucht mehr Menschen die Amerikas weiße Weste verteidigen und vor allem braucht sie mehr Kontrolle. Unhintergehbare Kontrolle über alles und jeden jederzeit. Denn sonst droht das Ungeheuerliche...

Jemand könnte versuchen Omas Sparstrumpf zu fladern.

Recht hat der Film nur in einem Punkt: die Bösen versuchen gerne wie die Guten auszusehen.