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THE GRANDMASTER und LIFE OF PI

Wider Ingeborg Bachmann

Es gibt Wahrheiten, die sind dem Menschen unzumutbar.
Das berühmte anders lautende Zitat von Bachmann gilt nicht uneingeschränkt. Es gilt nur – so verstehe ich Bachmann -  wo es um politische Wahrheiten geht. Die Wahrheit ist zumutbar, wo eine informierte Minderheit glaubt, anderen diese Informationen vorenthalten zu müssen. Aktuelle Beispiele für dieses Versteckspiel gibt es genug, ich nenne nur: Snowden versus Obama. In diesen Fällen ist die Wahrheit nicht nur zumutbar sondern sogar gefordert.

Aber es gibt andere Wahrheiten, existentielle Wahrheiten; Wahrheiten, die einen einzelnen Menschen überfordern können. Von diesen Wahrheiten handeln die metaphorischen Bilder, die wir in „Life of Pi“ und auch in „The Grandmaster“ sehen können. Tiefenhermeneutisch betrachtet, haben beide Filme das gleiche Thema: wie es gelingen kann mit traumatisierenden Erfahrungen zu leben. Das sind andere Wahrheiten als jene, die Bachmann meint. Die Verlorenheit des Menschen im Universum, persönliche Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht; Erlebnisse mit Vernichtungspotential. Die Wahrheit hat auch eine unschöne, brutale Seite. Menschen werden verletzt, gedemütigt und ihres Glaubens beraubt. Ist diese grausame Seite der Wahrheit der menschlichen Seele tatsächlich zumutbar?
Vielleicht. Die Geschichten von Ip Man und Piscine Patel erzählen jedenfalls, wie es gelingen kann, die dunkelste Wahrheit am eigenen Leib zu erfahren und dennoch Sinn zu finden.

Die metaphorisch inszenierte Botschaft der beiden  Filme ist daher nicht für Menschen bestimmt, die festen Boden unter den Füßen haben. Sie ist für Menschen bestimmt, die noch spüren können, wie die „Nacht des Seele“, die bodenlose Einsamkeit nach Verlusten und die Ohnmacht gegenüber der Gewalt, zum Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins führen können. Die unzumutbare entsetzliche Wahrheit. Kein Mensch kann es mit ihr aufnehmen, ohne ernsthaft Schaden zu nehmen. Sie ist tödlich wie der Krieg oder der Tiger. Und doch müssen sich so viele Menschen in ihrem Leben dieser zerstörerischen Wahrheit irgendwann stellen. Man kann daran zerbrechen. Wer je so ein Erlebnis gehabt hat und sich fragt, wie ein Leben danach möglich ist, für den zeigen diese Filme zwei Auswege und eine Sackgasse. Es ist wie im Daseinskampf des Tierreichs. Angesichts eines übermächtigen Gegners bleiben drei Wahlmöglichkeiten: kämpfen, fliehen oder sich tot stellen.

Beide Filme haben unter der ästhetisierten Oberfläche also im Grunde das gleiche Thema: Die unzumutbare Wahrheit. In beiden Filmen werden Menschen aus ihrem Alltag gerissen und gezwungen, sich mit der dunklen Seite der menschlichen Existenz zu konfrontieren. Und beide Filme zeigen je einen Ausweg aus der Misere; wenn auch zwei ganz unterschiedliche: Hier Kampf, da Flucht; hier nüchterne Realität, da Poesie; hier Treue, da Entwicklung.

The Grandmaster. Genre Fans werden enttäuscht sein. Und zwar nicht, weil die Kampfszenen enttäuschend wären. Im Gegenteil: Jeder Schlagabtausch ist absolut sehenswert und ein Fest der sinnlich-ästhetisierten Kampfkunst. Der Film enttäuscht jedoch konsequent Erwartungen anderer Art. „The Grandmaster“ hält sich strikt an das Zitat Bruce Lee`s, das zwar erst am Ende des Films eingeblendet wird, das aber der Geschichte den roten Faden verleiht:  

Der Kämpfer lebt nicht für eine Sache. Er lebt einfach.

Es gibt keinen verborgenen Sinn und keine Sache für die es sich lohnen würde zu kämpfen. Das ist wahrhaft enttäuschend. Diese Wahrheit ent-täuscht, des-illusioniert; und zwar auf allen Ebenen. Und damit gilt es fertig zu werden. Gerade das macht den Großmeister aus.

Die Geschichte des Grandmaster sagt: Du bist der perfekte Kämpfer. Du hast in 40 Jahren nie einen Kampf verloren. Du bist der Meister der Meister. Aber das bedeutet nichts. Es gibt dem Leben keinen Sinn. Der wahre Gegner ist nicht der Mensch der dir gerade gegenübersteht. Der wahre Gegner ist das Schicksal das dir alles nimmt. Du verlierst deine Frau. Du verlierst deine Kinder, deine Freunde, deinen Beruf. Und du kannst nicht dagegen kämpfen.
Das hebt diese Geschichte so wohltuend von den schleimig süßen und heroisch Fanfaren schmetternden Filmen der Traumfabrik in Hollywood ab. Dort gewinnt J. Rambo eigenhändig den Vietnamkrieg und wenn der einsame Kämpfer verliert, dann stirbt er ausschließlich für die edle Sache. Ein schöner Traum. Aber verlogen.
The Grandmaster bleibt hier hart und wahr. Der Krieg gewinnt. Und die Sache um die es geht ist nicht edel, sondern banal und eine Ausgeburt der Eitelkeit Einzelner: Nord gegen Süd, dieser Stil gegen jenen Stil. Das ist alles. Dafür sterben Menschen. Weder der Kampf für die eine Seite, noch für die andere Seite zeugt von Edelmut. Nur wer vom eigenen Ego verblendet ist und noch nicht die höchste Meisterschaft erreicht hat (gezeigt in der Figur des Ma San), kann völlig überzeugt für eine Seite kämpfen und darf sein Leben in der Illusion verbringen, es wäre wichtig wer gewinnt. Wer das Ganze im Blick hat erkennt, dass es nie um Nord oder Süd geht, sondern immer um Alles. Es gibt keine Sieger, solange es Verlierer gibt.
Die Eitelkeit der Sache ist treffend eingefangen in der Szene, in der es zum Kampf zwischen den beiden Besten ihres Faches kommt. Bei diesem Kampf geht es gerade nicht um das Schwert das unbesiegbar macht, den Heiligen Gral oder andere Machtmittel mit denen es gelingen könnte die Weltherrschaft an sich zu reißen. Es geht darum einen Kuchen zu brechen. Und eigentlich geht es nicht einmal um diesen Kuchen. Es geht um Vollkommenheit, Respekt und Meisterschaft. Der Kuchen bricht scheinbar von selbst. Niemand kommt zu Schaden. Trotzdem hat der Bessere gewonnen.
Das ist die Weisheit des Meisters. Eine Weisheit, die auf eine harte Probe gestellt wird. Was tun, wenn man zum Kämpfer geboren wurde aber erkannt hat, dass es keinen Sinn macht, sich für die Ziele anderer instrumentalisieren zu lassen? Wenn man erfahren hat, dass selbst die höchste Kampfkunst nichts auszurichten vermag gegen die Grausamkeit der Welt? An diesem Scheideweg zeigt die Geschichte des Ip Man einen Ausweg, der im zentralen Satz des Filmes zusammengefasst ist:

Glaube an deinen Weg und trage die Fackel weiter.

Wer sensibel und groß genug ist, um den täglich tödlichen Lauf der Welt als Gegner anzuerkennen, dem bleibt als Weg des Sinn stiftenden Kämpfers nur der treue Glaube an die eigenen Fähigkeiten und verbunden damit die Aufgabe, diese Treue an die nächste Generation weiter zu geben. Das ist die Antwort des Grandmaster auf die dunkle Wahrheit. Wer gekämpft hat, auch wenn er nicht gewinnen konnte, kann dennoch die Fackel an die Nächsten weiter geben. Das macht Sinn. Das ist Philosophie als bewegende Praxis.

Die Geschichte zeigt auch die Sackgasse. Wer den Ausweg nicht findet, verliert nicht nur den Kampf mit der Welt, sondern vor allem den Kampf mit sich selbst. Die weibliche Zwillingsfigur des Meisters, Gong Er, ist ihm ebenbürtig in ihrer Kunst, aber sie schafft den Sprung zur Lehrerin nicht. Für die Liebe sind beide nicht mehr bereit und Gong Er, da sie die Fackel nicht weiter tragen kann, löscht ihr eigenes Licht mit dem Rauch der Opiumpfeife. Auch der beste Kämpfer kann an der Wahrheit zerbrechen.

Life of Pi. Nicht jeder ist zum Kämpfer geboren. Wie steht es mit den Anderen, den sensiblen Geistern, den Künstlern und den Liebenden? Wie sollen sie der Ohnmacht begegnen; was sollen sie tun, wenn sie mit dem Bösen konfrontiert werden? Der junge Piscine wäre dieser Frage lieber ausgewichen. Aber auch er hat keine Wahl. Die Wahrheit findet ihn und er muss seinen Weg finden, um mit dem Unzumutbaren fertig zu werden. Auch in dieser Geschichte verliert ein Mensch alles woran er geglaubt hat: seine Familie, seine Heimat, seine Gefährten, seine erste Liebe, seine Ideale. Aber Piscine ist kein Kämpfer. Er verletzt niemanden, er ist Vegetarier. Er hat ein weiches Herz und sieht überall das Gute. Er ist ein offener Mensch, fasziniert von der Buntheit der Welt, und er ist ein integrativer Charakter, der aus den unterschiedlichsten Weltanschauungen des gemeinsame und sinnstiftende herausholen kann. Dennoch trifft auch ihn die grausame Wahrheit mit voller Wucht. Ein gerechtes Leben schützt nicht vor Ungerechtigkeit. Das ist die erste harte Lektion. Aber es kommt noch viel Schlimmer.
Wir sehen einen Menschen, der vor die Wahl gestellt wird entweder zu sterben, oder alles zu verraten woran er geglaubt hat. Er soll verletzen, er soll morden und er soll Tiere essen. Er tut es. Und muss dann damit fertig werden. Diesmal tobt der Kampf im Inneren. Das Symbol ist der Tiger. Können wir Freunde werden mit dem Schlimmsten das wir getan haben?
Auch in dieser Geschichte bleibt die Erzählung hart: Nein. Wir können es nicht. Das Böse wird nie gezähmt, es wird nie unser Freund. Es verlässt uns ebenso beiläufig und ohne erkennbaren Sinn, wie es uns begegnet. Das ist hart, aber wahr. Nur Hollywood hätte aus dieser Geschichte den Beginn einer verlogenen Freundschaft gemacht.
In Geschichten die sich mit dem Grauen in dieser existentiellen Dimension auseinandersetzen gibt es – wenn sie sich selber treu bleiben – kein eklig süßes Happy End. Der Kämpfer ändert nicht den Lauf der Welt. Der Liebende erreicht kein stummes Einverständnis mit der Gewalt. Das ist die Wahrheit. Der Kampf besitzt keinen Wert an sich und lässt sich auch nicht für eine Sache instrumentalisieren, wenn er sinnstiftend sein soll; er ist ein Weg zur inneren Selbst-Vervollkommnung, der nur dann sein Ziel erreicht, wenn wir die Nächsten darauf mitnehmen.
Pi zeigt uns aber noch eine andere Möglichkeit mit der unzumutbaren Wahrheit umzugehen: den Weg der Poesie.
Seine Geschichte zeigt uns den zweiten Ausweg in der Konfrontation mit der unzumutbaren Wahrheit. Es ist ein freundlicherer Ausweg, eine verspieltere Offenbarung, die darauf hinausläuft, dass es darauf ankommt, wie wir die Wahrheit erzählen. Pi ist kein Drückeberger, er weiß:
„Am Ende sind die Fakten immer die Gleichen: Meine Familie ist tot, ich alleine habe überlebt.“
Aber es liegt in seiner Macht wie er die Geschichte dieser Wahrheit erzählt. Er hat diese Macht schon früh erkannt und die Geschichten der verschiedenen Religionen miteinander verglichen und alle für gut befunden. Piscine hat erkannt, dass uns selbst religiöse Geschichten fressen können, wenn wir sie verabsolutieren. Und so hat er den Kreis der Geschichten um eine Geschichte erweitert. Die Geschichte vom Tiger. Diese Geschichte lügt nicht. Sie erzählt die Wahrheit. Aber sie erzählt sie so, dass das kleine hilflose Menschlein das sie erleben musste weiter leben kann.

Auch in dieser Geschichte wird die Sackgasse gezeigt. Die fleischfressende Insel in der Mitte der Erzählung steht - wie im anderen Fall der Rauch der Opiumpfeife – für die Möglichkeit des Aufgebens, für die Verführung die darin liegt, sich tot zu stellen. Ein seelischer Vorgang, der den Menschen zugleich nährt und auffrisst. Wenn wir uns mit unserem Schicksal abfinden und aufhören an Veränderung zu glauben, dann liegt darin ein Trost. Aber es ist ein trügerischer Trost. Der Scheintrost des Opiums und der scheinbar friedlichen Insel im Meer. Solange es Tag ist und wir uns nur um Essen, Trinken und Schlafen kümmern, können wir uns vielleicht davon ablenken, was passiert ist. Aber in der Nacht holt die Erinnerung uns ein. Und diese Erinnerung frisst uns auf. Wenn es dunkel wird, wird die nährende Insel im Nirgendwo zum sauren Menschenfresser.
Nichts wie weg.
Das ist die Bewegung in der praktischen Philosophie.