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WIE IM HIMMEL

Des Menschen Sehnsucht

Im Jahr 2006 ist „Wie im Himmel“ ohne Zweifel der Film mit dem höchsten philosophischen Anspruch. Selten wurde die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen, die tiefsten Ängste und geheimen Sehnsüchte so stimmig und berührend auf die Leinwand gebracht. Dieser Film bringt so viele Knotenpunkte menschlicher Existenz zur Sprache, dass eine Gesamtinterpretation den Rahmen hier bei weitem sprengen würde.

Dennoch möchte ich eine Antwort auf die Frage wagen: worum geht es in diesem Film?

Dazu möchte ich einen Vergleich ziehen. Einen Vergleich zu einem Film, der durch seine Ähnlichkeiten und Unterschiede deutlich macht, was „Wie im Himmel“ auszeichnet. Das Thema, die handelnden Personen und die Entwicklung der Geschichte ähnelt einem Film aus dem Jahre 2000: „Chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp unter der Regie von Lasse Hallström.

In beiden Geschichten heben sich die handelnden Gestalten vor einem ganz bestimmten Milieu ab:
Den Hintergrund beider Erzählungen bildet ein „geschlossenes System“: ein kleines abgeschiedenes Dorf mit wenig Kontakt zur Außenwelt. In dieser Welt in der scheinbar jeder alles über jeden weiß, entsteht - das zeigen beide Filme - ein Klima der Doppelmoral, die jeweils duch einen Mann vertreten wird: einmal ist es der Bürgermeister, einmal der Pfarrer. In diesen beiden Personen kulminiert die Fleisch gewordene Verdrängung des Lebendigen zugunsten heuchlerischer toter Ideale. Beide Männer übersteigern ihre persönlichen Ängste und Schwächen in lebensfeindliche und restriktive Ideale und Moralvorstellungen, die sie ihrer Gemeinde aufzwingen. Die verheerenden Folgen sind jeweils die gleichen: die Gemeinde schließt die Augen vor persönlicher Gewalt, und Ausweglosigkeit bestimmt das Lebensgefühl.

In beiden Filmen kommt die Wende von außen. Einmal in Form von Schokolade, einmal in Form von Musik. Mit dem Eindringen dieser personifizierten Botschaften trennen sich die Parallelen. Die Linie von „Chocolat“ wendet sich nach oben, der Oberfläche zu. „Wie im Himmel“ taucht ab in die Tiefen menschlicher Existenz. Der Punkt, an dem sich die beiden Geschichten trennen lässt sich exakt festmachen an dem Bruch, der mit den Besuchern und ihren Geschenken in das System kommt.

„Wie im Himmel“ und „Chocolat“ handeln von menschlichen Sehnsüchten. Beide zeigen einen Weg, wie wir unseren unerfüllten Wünschen begegnen können.

Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Einen Unterschied, der sich auf die Grundsituation bezieht, aus der die Filme einen Ausweg zeigen. „Chocolat“ zeigt den Weg aus selbst verschuldeter Lebensangst, „Wie im Himmel“ weist den Weg zum Umgang mit unseren existentiell auferlegten Lebensaufgaben.

Der Angriffspunkt in „Chocolat“ ist das aufgeblähte EGO, das uns Schranken und Grenzen aufzwingt, wo wir eigentlich leben sollten. Unsere privaten Wähne, unsere selbst gewählte Hölle, alle Arten des Leidens und der Verblendung „um eines höheren Zieles willen“, darum geht es in „Chocolat“. Die alltäglichen Zwänge, die uns dazu führen, uns vor uns selbst und vor anderen zu verleugnen.
In diesen Fällen ist „Schokolade“ ohne Zweifel ein altbewährtes Rezept. Die Erlaubnis zur Süße, zur Sinnlichkeit und zu körperlichem Genuss kann ein potentes Heilmittel sein.

Dass es damit nicht getan ist, zeigt „Wie im Himmel“, denn keine Schokolade der Welt füllt das Loch des existentiellen Vakuums. Eine Leere die entsteht, weil wir zur Vorahnung unseres Todes fähig sind, weil wir uns an unseren Nächsten schuldig machen und weil wir die Angst vor dem eigenen Weg fühlen können. Wer hier - im Angesicht existentieller Not – zur Schokolade greift, begeht einen Fehler. Das Süße bringt hier keine Linderung, sondern verstärkt die Sucht.

An der Grenze zu den Fragen des existentiellen Lebensvollzuges endet das Reich der Süße. Hier beginnt das Reich der Resonanzen. Das Reich der Musik, deren Botschaft auf unerklärliche Weise nur zu uns Menschen spricht, zu unserem Geist, zu unserer Seele. Hier zählt der Mut das eigene Lied zu singen und und die Demut im Chor der Menschlichkeit mit zu schwingen.

Im süßen Reich der Sinne findet Erlösung, wer loslassen kann von falschen Idealen und im Nehmen genommen wird.

Das existentielle Tor zur eigenen Lebensmelodie öffnet sich für alle, die bereit sind, sich im Geben gegeben zu werden.