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Werde, der Du bist.
Pindaros

Ein Menschenleben ist mehr als die Summe der biographischen Daten. Vielmehr verhält sich ein Leben zu den reinen Fakten wie eine Melodie zum Notenblatt. Ich denke, der Mensch ist auch ein Lied, und das eigene Lebenslied die Grundlage der Lebens-Philosophie. Daher statt vieler Fakten eine Geschichte:

Wie jeder Mann wurde ich von einer Frau zur Welt gebracht. Wie ich später herausfand, war es meine Mutter. Und der andere Typ, mit dem sie die meiste Zeit zusammen war: sie ahnen es, war mein Vater. Nichts wirklich Neues also. Da meine Eltern darüber hinaus noch nicht genug hatten, kam ich auch zu Geschwistern. Drei an der Zahl. Eine richtige Familie.


Am meisten Spaß hatte ich mit meinem Bruder. Wir hauten uns oft. Und versöhnten uns brüderlich. Unsere Schwester mochten wir auch. Verhaut haben wir sie eigentlich nie. Denn sie hat es gepetzt und war damit raus. Wie die Kinder. Wir lernten schwimmen und Rad fahren. Und Schi fahren. Das war mein Favorit.


Dann kam die Schule. Ich liebte es. Und vor allem liebte ich meine Volksschullehrerin. Ich habs ihr aber nie gesagt. Dafür ordentlich Hausaufgaben gemacht. Das muss ihr aufgefallen sein! Das war in Vorarlberg. Isch ou a guate Zit gsin. Fast wie daheim. Raufen mit den Jungs. Vorsicht vor den Mädchen. Fußball. Fußball!


Das Gymnasium. Ehrfurcht. Große Hallen, große Menschen. Professoren! Aber zum Glück ein Fußballplatz. Ich war schon wieder verliebt. In den Fußballplatz. Dann eine neblige, verworrene, eigenartige Zeit. Alles kam ins Wanken. Irgendwie war auf nichts mehr Verlass. Aus guten Noten wurden schlechte Noten, Mädchen wurden auf einmal interessanter als Buben, raufen wurde doof, aber was sollte man sonst tun? Schwierig. Irgendwie durchgewurschtelt. Parties gefeiert, Zigaretten heimlich geraucht und festgestellt wie übel einem vom Alkohol wird. Küssen. Das war wirklich aufregend.
Zum Glück normalisierten sich die Dinge auch wieder. Man nannte es Oberstufe. Man hatte seinen Style. Seine Zigarettenmarke. Seine erste Freundin. Führerschein. Moped. Ich lernte zu tanzen. Auf Turnieren. Vor Publikum. Was für ein Gefühl. Und erstmals: Philosophie. Warum hat man mir das nicht schon früher gesagt?


Dann: Matura. Bundesheer. Einmal so richtig 18 sein. Männerdinge tun. Aufstehen im Morgengrauen. Rasieren. Rambo im Kino sehen. Stark sein. Stundenlanges Training. Biathlon. Schießen. Ich bin ein Mann.


Na ja. Auch das geht vorbei. Und der Vizeleutnant mit der dauerroten Nase schreit einen nicht mehr an. Was für eine Zeitverschwendung. Höchste Zeit für was Sinnvolles. Studieren. Aufbruch in eine neue Welt. Ab in die Bundeshauptstadt, dem Geheimnis des Seins auf der Spur, und den Studentinnen.


Und Sport. Von früh bis spät. Laufen, fechten, Schi fahren, alles was Spaß macht. Student sein. Sich treiben lassen, Ideale um der Ideale willen. Taxi fahren um ein bisschen Geld fürs Reisen zusammen zu kratzen. Philosophie. Stunden, Tage, Wochen in Bibliotheken und Gesprächen. Ich muss es wissen: was hält die Welt im Innersten zusammen?


Und irgendwann sind dann die Kindheitsjahre vorbei. Als wäre ich aus einem Traum erwacht. Die Erkenntnis holt mich ein: Ich bin ich. Ich bin nicht die Hauptfigur der Träume meiner Kindheit, nicht der Hauptdarsteller in einem Hollywood Film mit Happy-End Garantie. Nicht meine Kraft, nicht meine Ausdauer, auch nicht meine Intelligenz und alles Wissen das ich angesammelt habe schützen mich vor Verletzungen und Einsamkeit.

Meine Ent-täuschung ist bodenlos, die Suche nach festem Grund dauert Jahre. Ich gehe weg. Verbringe ein paar Jahre im Ausland. Ich lerne meine Geschichte mit anderen Augen zu sehen, und sie in einer anderen Sprache zu erzählen. Ich studiere immer noch Philosophie, und Bewegung hilft mir zu (über-) leben.

Die Frage: weiß überhaupt jemand wie das Leben gelingen kann, wird zum zentralen Thema in meinem Leben. Ich suche Antworten. Ich besuche die Buddhisten. Die Esoteriker. Die Coaches. Die Therapeuten. Ich beginne selbst eine psychotherapeutische Ausbildung. Ich lerne unendlich viel über mich selbst, lerne viele Methoden wie seelisches Leid erkannt und behandelt werden kann. Am Ende aber ist eines klar: ich will nicht Therapeut werden. Keine Methode, kein Therapeut gibt mir Boden unter den Füßen.

Ich wende den Blick nach Innen. Wo finde ich Heimat in mir? Kann ich draußen drinnen sein? Ich werde Outdoor Trainer. Dadurch gelingt das Paradox. Ich bin ganz draußen und doch ganz drinnen. Zum erstenmal spüre ich Boden. Ich verstehe die grundlegende Bedeutung des Wortes Gruppendynamik, und wie sehr das Geschehen, das sich hinter diesem Begriff verbirgt jemanden braucht, der draußen drinnen ist. Mein Platz.

Ich erfahre noch mehr Leid. Ich erfahre den Verlust der Liebe, der Unversehrtheit, den Tod eines Kindes. Und lebe weiter. Und schließlich verstehe ich das Wesentliche: Ich bin der auf den ich gewartet habe. Nur ich selbst weiß, wie mein Leben gelingen kann.

Ich gründe meine philosophische Praxis. Ich begleite Menschen auf ihrem Weg, wie sie lernen ihre Geschichte zu erzählen, die Dinge mit anderen Augen zu sehen, sich um ihre seelischen Wunden zu kümmern, dem Leid zu begegnen, den eigenen Platz zu finden, zu lieben und aktiv zu werden.

Ich nenne es philosophieren. Das Streben nach der Wahrheit.