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Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

ZEN

Von der Wahrheit

In der Philosophie geht es um die Wahrheit. Ein großer und schwieriger Begriff, der sich kaum fassen lässt. Vielleicht ist das Äußerste was sich von "der Wahrheit" sagen lässt, dass sie sich der Sprache entzieht. So verstehe ich den Beginn des tao te king:
"Die Wahrheit, die sich in Worte fassen lässt ist nicht die wahre Wahrheit."

Dennoch finden Menschen immer wieder Zugänge zur Wahrheit. Manche dieser Zugänge sind in Geschichten überliefert und einige dieser Geschichten habe ich hier ausgewählt.

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Praktische Philosophie ist Begleitung auf den Wegen, die zum Selbst führen: dem Weg der Berufung und dem Weg der Liebe. Auf diesen Wegen gibt die Philosophie dem Leben Tiefe und Richtung.
Ohne Philosophie ist das Leben bewusstlos, ohne Arbeit grundlos und ohne Liebe heillos.

Eine Frau spürte in sich große Sehnsucht nach dem Meer. Diese Sehnsucht nach dem Meer wurde immer stärker, bis nur noch der Gedanke in ihr schwang, zum Meer zu gelangen.
Sie verließ ihre Familie und ihr Dorf und machte sich auf den Weg. Nach langer Wanderschaft gelangte sie zu einer Kreuzung, von der vier Wege weiterführten.
Sie nahm den ersten. Als sie nach sehr langer Zeit das Meer nicht erreichte, kehrte sie um und gelangte wieder zu dieser Kreuzung. Sie ging dann auch die anderen Wege auf dieselbe Weise, und kehrte jeweils zu der Kreuzung zurück.
Sie verlor den Mut und blieb an dieser Kreuzung, bis sie alt geworden war. Bevor sie starb erfüllte sie sich noch den Wunsch, den Hügel zu ersteigen, der sich neben der Kreuzung erhob. Das Gelände war unwegsam aber schließlich erreichte sie die flache Kuppe des Hügels. Ein großartiger Anblick bot sich ihr. In der Ferne sah sie auch das Meer, nach dem sie sich so gesehnt hatte. Mehr noch: Sie konnte die vier Wege überblicken, die sie gegangen war. Sie sah, jeder dieser Wege führte schließlich zum Meer.
Den Blick auf das Meer gerichtet starb sie an diesem Platz.

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Von der Arbeit.
Viele Menschen sind heute unzufrieden mit ihrer Arbeit. Sie fühlen sich entweder überfordert oder unterfordert. Menschen die mit ihrer Arbeit zufrieden sind, geben dem was sie tun einen Sinn.

Bevor er erleuchtet wurde, erhob sich der Bauer am Morgen von seinem Lager, nahm sein Frühstück zu sich und verbrachte den Tag auf den Feldern. Abends kehrte er zurück und nahm das Abendessen im Kreise seiner Familie zu sich. Er besprach sich mit seiner Frau und legte sich mit ihr zu Bett.
Nachdem er erleuchtet wurde, erhob sich der Bauer am Morgen von seinem Lager, nahm sein Frühstück zu sich und verbrachte den Tag auf den Feldern. Abends kehrte er zurück und nahm das Abendessen im Kreise seiner Familie zu sich. Er besprach sich mit seiner Frau und legte sich mit ihr zu Bett.


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Von der Seele.
Unsere Seele wird zu einem Zeitpunkt entscheidend geprägt, an dem wir noch nicht zu unserem Ich erwacht sind. Wer völlig erwachen will, muss diese Prägungen sehen lernen.

Ein kleiner Elefant wird in Indien mit einem Strick an einen Baumstamm gebunden. Sosehr er sich auch wehrt, er kann sich nicht befreien. So gewöhnt er sich daran, dass der Baumstamm stärker ist als er selbst.
Für einen ausgewachsenen Elefanten, der ungeheure Kraft besitzt, wäre es ein Leichtes sich los zu reißen. Aber es bedarf nur eines dünnen Hanfseils, mit dem man sein Bein an einem dürren Zweig befestigt. Er versucht gar nicht mehr zu entkommen.

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Vom Geist

Seinen Geist benützt, wer achtsam lebt. Achtsamkeit bedeutet in der Gegenwart präsent zu sein. Es bedeutet die Leiter der Erkenntnis wegwerfen, nachdem man sie erklommen hat.

Ein Mann wurde von schweren Zweifeln über das Wesen der Wahrheit geplagt. Er beschloss daher zu einem berühmten Weisen in einem weit entfernten Dorf zu reisen. Nach einer langen und beschwerlichen Reise gelangte er in das Dorf und erkundigte sich sogleich nach dem Aufenthaltsort des weisen Mannes. Doch die Leute des Dorfes lachten ihn nur aus: "Der weise Mann hat sich schon vor vielen Jahren von der Welt zurück gezogen, und jetzt meinst du dahergelaufener Fremder, du könntest ihn einfach so besuchen!"
Sie konnten den Mann jedoch nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit und stahl sich unbemerkt in das Studierzimmer des alten Mannes. Es verging einige Zeit, ehe der Weise von seiner Arbeit aufsah. Der Mann sagte: "Ich bitte um Verzeihung, ehrwürdiger Meister, aber ich bin von weit her gekommen, weil mich seit langem eine Frage nicht mehr loslässt. Ich hoffe, dass ihr mir in eurer großen Weisheit eine Antwort geben könnt."
"Nun, wie lautet deine Frage?", wollte der Meister in freundlichem Ton wissen.
"Was ist das Wesen der Wahrheit?", erwiderte der Besucher.
Der alte Weise sah ihm tief in die Augen, stand auf und - gab ihm eine schallende Ohrfeige. Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah. Vollkommen verwirrt rannte er davon und lief ins nächste Wirtshaus um seine Enttäuschung in Alkohol zu ertränken. Jemand fragte ihn, was passiert sei, und so erzählte er die ganze Geschichte.
"Weißt du, wenn der Meister so etwas tut, dann hat er sicher einen Grund. Es muss eine Erklärung dafür geben." Jetzt mischte sich auch ein Schüler des Meisters ein, der am Nebentisch saß und das Gespräch mitangehört hatte: " Der Meister hat dir eine Ohrfeige gegeben, damit du lernst, dass man niemals eine gute Frage gegen eine Antwort eintauscht."

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Von der Einzigartigkeit
Niemand hat sich seinen Platz im Leben völlig frei ausgesucht. Niemand ist von seinem Platz im Leben völlig abhängig. Die Chance, ganz diejenigen zu werden die wir sind, liegt in der Annahme dessen was uns gegeben wurde und in der Schaffung dessen, was uns fehlt.


Art Tatum saß in einer Spielpause allein an einem Tisch in einer Bar und trank ein Bier aus der Flasche. Von der Straße kam eine Missionarin herein und trat zu ihm.
Sie sagte: "Unsere einzige Rettung liegt darin, uns der Herde anzuschließen."
Tatum trank wortlos einen Schluck Bier.
"Wenn sie sich nicht der Herde anschließen, werden sie eines von Gottes verirrten Kindern sein", erklärte die Frau.
Tatum griff wieder zur Bierflasche.
Als der Musiker der Ansicht war, die Missionarin habe ihn lange genug belästigt, zuckte er die Schultern und sagte leise:
"Alle Kinder Gottes haben sich verirrt, aber nur wenige können Klavier spielen."

Aus: Sheldon B. Kopp: „Anfang und Ende sind eins“