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Bestellt und nicht abgeholt

Wir alle kennen diese Phrase. Wir wenden sie üblicherweise bei Menschen an, denen wir sagen wollen, dass sie nicht besonders glücklich aussehen. Im pädagogischen Kontext wird sie ebenso verwendet, wenn es darum geht, Kinder dort abzuholen, wo sie stehen.

Im Alltag ist das „Jemanden abholen“ trivialer Natur, in Bezug auf den Dialog mit Trauma spielt es aber eine wesentlich tiefere und entscheidende Rolle. Mehr als anderswo gilt hier, dass wir dort „abgeholt“ werden müssen, wo das Trauma sich manifestiert hat. Wenn das nicht geschieht, stehen wir vielleicht ein Leben lang an einem sehr einsamen Ort. Das gilt vor allem für die Art von Erlebnissen, die nicht langsam und schleichend traumatisierend wirken, sondern plötzlich und unerwartet.

Ich möchte mich hier also der Frage widmen, wie das „Abholen“ aus dem Trauma im existenziellen Sinn zu verstehen ist und was es braucht, um es zu erreichen. Dazu nähere ich mich diesem Problem anhand von drei Beispielen.

Als Exempel dienen mir: Ingeborg Bachmanns Romanfigur „Malina“; Betrachtungen zur pränatalen Nidation und das Schicksal einer jungen Frau, die ich ein Stück ihres Weges begleiten durfte.

Trauma manifestiert sich in diesen Fällen in einer Schlüsselszene, in der ein Muster etabliert wird, das den weiteren Lauf des Lebens bestimmt. Diese Schlüsselszene kann selbst erlebt, aber auch transgenerational vererbt werden. In dieser Szene wird der Ort festgelegt, an dem wir abgeholt werden können.

Wie geht das nun aber, das „Abholen“? Kurz gesagt: es geht darum, eine konkrete Gegenerfahrung zum ursprünglich traumatisierenden Erlebnis zu machen. Das ist kein intellektueller Vorgang. Es genügt nicht, nur zu wissen, was „eigentlich“ zu tun wäre; in vielen Fällen macht es dieses Wissen sogar schwieriger, die Szene zu transformieren. Es bedarf des Vertrauens, sich auf eine leibliche, emotional spürbare Gegenerfahrung einzulassen. Das Wesentliche bei dieser Gegenerfahrung liegt in einer Willkommenheißung. Trauma vereinzelt. Trauma schafft einen Abgrund zwischen dem Ich und dem Du. Abholen bedeutet daher, einem Menschen dort wieder die Hand zu reichen, wo sie verweigert wurde. Dieses von Herzen kommende „Willkommen“ im existenziellen Sinn kann nicht gespielt oder inszeniert werden, sondern muss authentisch gemeint und vollzogen werden. Das ist der Kern einer Theorie der Anerkennung, die für die Transformation der Schlüsselszene essenziell ist.  Peter Sloterdijk gibt diesem Willkommen das passende Gewicht, wenn er in seiner Sphären Trilogie davon schreibt, was es heißt, wahrhaft willkommen geheißen zu werden.

„Der Mensch ist das mehr oder weniger gut begrüßte Tier, und soll sein Regungszentrum neu angesprochen werden, so ist die Begrüßung zu wiederholen, mit der seine Initiation in die Welt ursprünglich vollzogen wird. Die richtige Begrüßung oder Willkommenheißung ist die tiefste Entsprechung, die einem Subjekt widerfahren kann.“ (Peter Sloterdijk. Sphären I.)

 

Die Willkommenheißung die hier gemeint ist, ist nicht die alltägliche Begrüßung, sondern ist gebunden an die Schlüsselsituation, in der sie ihre volle Bedeutsamkeit entfaltet. Es geht erst im zweiten Schritt um die tägliche Erneuerung dieses Grußes, der aber gerade aus diesem Grund eine hohe Bedeutung hat. Entscheidend für ein befreites Leben ist jedoch das „Willkommen“ in gerade jener Situation, in der wir die ausgestreckte Hand des anderen brauchen. Bleibt sie aus, wartet der Abgrund.

 

Ingeborg Bachmanns beschreibt in Malina eine Schlüsselszene im oben genannten Sinn. Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens in der Fremde. Sie fühlt, dass sie nicht dazugehört und verbirgt sorgsam ihren sehnlichsten Wunsch nach Zugehörigkeit. In einer berührend erschütternden Szene erlebt dieses Mädchen einmal die Chance, eingeladen zu werden, dazu zu gehören, das Geschenk der Freundschaft angeboten zu bekommen. Was diese Verheißung in ihr auslöst, geht um viele Dimensionen tiefer als die Erwartung eines profanen Geschenks. Es ist die Erfüllung ihrer innersten Sehnsucht. Ich werde abgeholt. Ich werde hinein geholt. Mit dieser Erwartung geht sie pochenden Herzens auf die anderen zu.

„In einer Großaufnahme steht die kleine Glanbrücke da, nicht das abendliche Seeufer, nur diese mittäglich übersonnte Brücke mit den zwei kleinen Buben, die auch ihre Schultaschen auf dem Rücken hatten, und der ältere, mindestens zwei Jahre älter als ich, rief: Du, du da, komm her, ich geb dir etwas! Die Worte sind nicht vergessen, auch nicht das Bubengesicht, der wichtige erste Anruf, nicht meine erste wilde Freude, das Stehenbleiben, Zögern, und auf dieser Brücke der erste Schritt auf einen anderen zu, und gleich darauf das Klatschen einer harten Hand ins Gesicht: Da, du, jetzt hast du es! Es war der erste Schlag in mein Gesicht und das erste Bewußtsein von der tiefen Befriedigung eines anderen, zu schlagen. Die erste Erkenntnis des Schmerzes. Mit den Händen an den Riemen der Schultasche und ohne zu weinen und mit gleichmäßigen Schritten ist jemand, der einmal ich war, den Schulweg nach Hause getrottet, dieses eine Mal ohne die Staketen des Zauns am Wegrand abzuzählen, zum erstenmal unter die Menschen gefallen, und manchmal weiß man also doch, wann es angefangen hat, wie und wo, und welche Tränen zu weinen gewesen wären.“

(Ingeborg Bachmann: Malina)

 

„Jemand, der einmal ich war“, in diesen Worten ist die existenzielle Tragik der traumatischen Erfahrung eingefangen. Ein Teil dieses Menschen wird diesen Ort nicht mehr verlassen. Ein Teil dieses Menschen steht immer noch an dieser Brücke, an dieser kleinen Glanbrücke; dort muss sie abgeholt werden, sonst dreht sich ihr Leben darum, diesen Schmerz nie wieder spüren zu müssen oder wie Sisyphus dazu verdammt zu sein, die nie verarbeitete Szene immer wieder zu erleben.

Die tiefe Einsamkeit, die mit solchen Erfahrungen verbunden ist, ist umso unüberwindbarer, je früher im Leben sie sich ereignet. Das kleine Mädchen hat bereits Ressourcen und ein Ichbewusstsein, auf die das spätere Selbst zurückgreifen kann, um die erlebte Gewalt zu transformieren; aber nicht immer ist dies möglich.

In der pränatalen Psychologie – etwa bei Thomas Verny, Stanislav Grof oder R.D. Laing – gilt bereits die Einnistung des Eis als erste existentielle Beziehungserfahrung, als erste Ankunft in der Welt und als frühes Erleben von Annahme oder Zurückweisung. Die Einnistung des befruchteten Eis, das den ganzen Menschen schon enthält, diese Einnistung könnte – wenn das Ei abgelehnt wird – bereits die Schlüsselszene sein, die ein Leben traumatisch prägt: Ein Leben auf der Suche nach einem Zuhause, nach dem „Angenommen-sein“. Vielleicht liegt hier bereits die versteckte Wurzel hinter dem Leid vieler Menschen, die nie wirklich ein inneres Zuhause finden. Es könnte das Trauma der ungewollten Kinder sein, die nie ein Zuhause finden, das sich in diesem ganz frühen Moment in den Leib einschreibt.

Aber auch Ereignisse, die wesentlich später im Leben eintreten, können ein Leben aus der Bahn werfen. Ich kenne den Fall einer Frau, die ein behütetes und glückliches Leben führte und schließlich den Mann kennenlernte, in den sie sich verliebte und den sie heiraten wollte. Es kommt aber zum Extrem und zur Schlüsselszene: am Tag der Trauung erscheint der Bräutigam nicht in der Kirche und bleibt auch nachher unauffindbar. Eine Erfahrung, die die junge Frau bricht. „Ich bin nicht gewollt“, ist es, was übrigbleibt. Ich treffe sie Jahre später, nach Phasen der Depression und Selbstmordversuchen, als sie sich immer wieder mit narzisstischen Männern einlässt, die sie zunächst als Trophäe präsentieren, um sie schließlich wieder stehen lassen, nachdem sie „gehabt“ wurde. Ihr Leben dreht sich forthin um die Re-Inszenierung der traumatischen Erfahrung. Als ich sie kennenlerne, gelingt es ihr, sich etwas zu stabilisieren und sie wird noch Mutter. Dennoch stirbt sie in jungen Jahren an dem Krebsgeschwür in ihrer Brust.

Wer also einem Menschen, der eine Schlüsselszene in sich trägt, wahrhaft begegnen will, wird ihn an der Brücke abholen müssen, am Altar oder ihm immer wieder ein Zuhause sein. Der ungewollte neue Mensch, das geschlagene Kind, die verschmähte Frau. Es ist jedes Mal ein Einzelfall. Zu erkennen sind diese Menschen an zwei subtilen Verhaltensweisen: Die strikte Vermeidung der potenziell re-traumatisierenden Situation und/oder die Wiederholung der ursprünglichen Szene in der Hoffnung: diesmal geht es besser aus.

Der Beitrag, den die existenzielle philosophische Praxis leisten kann, um aus diesem Teufelskreis zu entkommen, ist die Bewusstmachung des Musters. Die Botschaft lautet: „Ich sehe dich“ und dann weiter: Ich verstehe, was es heißt, ein Leben zu führen auf der Suche nach einem Zuhause. Das ist der existenzielle Weg schlechthin, das, was Jaspers den „Halt im Haltlosen“ genannt hat. Wenn dieser Weg gelingt, kann die Schlüsselszene angenommen werden, weil sie den Weg zu einer tieferen Wahrheit öffnet: der Ethik der Verletzlichkeit.  Es ist das Wesen des Menschseins, verletzbar zu sein, das offenbart die Schlüsselszene. Auf dieser Ebene ist dann aber auch eine neue, transformierte Art der Begegnung und der Liebe möglich, im Mitgefühl für den Schmerz und in der Bewunderung für die Kraft, damit zu leben. Beides schafft eine Verbindung in der Tiefe, die vorher unmöglich war. Das schafft – wenn auch nur für Momente – die Augenblicke der Erlösung, des Angenommen und Gehaltenwerdens. Die intensivste Verbindung die zwischen Menschen erreicht werden kann.

 
 
 

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