die im Dunkeln sieht man nicht

Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht.

Bertolt Brecht


Triage. Darauf läuft es aktuell hinaus. Ein Wort, das bisher kaum jemand kannte, ein Wort aus der Militärmedizin, ein Wort das trotzdem zum allgegenwärtigen, mahnenden Begleiter geworden ist, zum Schreckgespenst und zur ultimativen Rechtfertigung aller Pandemie Maßnahmen. Es scheint zu offensichtlich, zu klar, zu notwendig, dass wir alles tun müssen, um eines zu verhindern: es soll kein Notfallmediziner entscheiden müssen wer lebt und wer stirbt. Das zu verhindern scheint beinahe alles zu rechtfertigen. Dieser Zweck heiligt ohne Zweifel die Mittel. Vor allem wenn die Mittel so lächerlich harmlos und zumutbar sind wie das Tragen einer Maske. Nur bloß keine Triage. Wir retten Leben.

Es macht mich immer misstrauisch, wenn eine Deutung der Ereignisse alternativlos scheint. Daher: machen wir uns bitte nichts vor, Triage passiert immer. Es wird immer entschieden, wer lebt und wer stirbt, wenn auch nicht nach medizinischen, sondern nach politischen Grundsätzen. Den Unterschied erkennt man daran, dass es bei der politisch motivierten Triage darum geht, den Überlebenden zu inszenieren, den Toten aber zu verstecken. In Zeiten der Pandemie überlebt der politische Nützling im grellen Licht intensivmedizinischer Einrichtungen, der Schädling stirbt in dunklen Kellern, überfüllten Sozialinstitutionen, Flüchtlingslagern und kleinen Pflegeheimzimmern.


Für die Politik waren die Menschen nie gleich. Erinnern wir uns: derselbe Jüngling, der gerade versucht, uns zu vermitteln, wie sehr es ihm darum geht, Menschenleben zu retten, war vor kurzer Zeit noch derjenige, der stolz „die Balkanroute geschlossen“ hat. Das war politische Triage im großen Stil. Sie richtete sich nicht nach gesundheitlichen Parametern und Heilungschancen, sondern politischen Parametern und Wahlversprechen. Der Österreicher lebt, der Syrer stirbt. Der Flüchtling im Meer soll im Dunkeln ertrinken. Es ist nur dafür zu sorgen, dass er das leise und möglichst unbemerkt tut. Ertrunkene Kinder am Strand machen die Stimmung kaputt.


Es wird immer entschieden, wer leben soll und wer nicht. Der getötete Österreicher durch die Hand eines Geflüchteten darf nicht passieren, das tote geflüchtete Kind am Strand ist dafür in Kauf zu nehmen. Aber sehen wollen wir diesen Toten auf keinen Fall.

Der tote Herzinfarktpatient, der kein Intensivbett bekommt, darf nicht passieren, der tote Depressionskranke, der im Keller hängt, ist dafür in Kauf zu nehmen, ebenso die gemarterte Frau im Gefängnis ihrer Wohnung. Aber sehen wollen wir das auf keinen Fall.


Ich mache mir nichts vor. Es ist vielleicht eine der traurigsten Tatsachen, dass wir ständig entscheiden müssen wer lebt und wer stirbt. Aber bitte: lassen wir uns nicht blenden. Jeder Mensch zählt genau eins. Wer verantwortungsvoll regiert, sollte den Tod nicht für die eigenen Zwecke instrumentalisieren, sondern das Notwendige tun und vor allem den Blick auf die im Dunkeln richten. Bei der schwersten aller Entscheidungen zählt zuletzt nicht, wer gerettet werden konnte, sondern mit welcher Haltung geholfen wurde. Entweder es ist bereits entschieden, wer leben darf, oder wir kämpfen, solange es geht, um jeden.

WEGBEGLEITER

Mag. Manfred Rühl

philosophie@wegbegleiter.at