Die Liebe. Jenseits von Afrika.


Mein heutiges Thema ist die Liebe, genauer gesagt: der Punkt, an dem sie scheitern kann. Wenn sich die Frage stellt: „Liebst du mich überhaupt“, ist es vielleicht schon zu spät, sich über einen wichtigen Unterschied zu verständigen, der die Art betrifft wie wir lieben.

Es geht um den Unterschied von Begegnung und Beziehung. Ein bedeutsamer Unterschied, den ich philosophisch auf der einen Seite mit Martin Buber und auf der anderen Seite mit Emmanuel Lévinas begründen will.

Verdeutlichen möchte ich meine Interpretation der Liebe anhand einer Literaturverfilmung, die meiner Generation bekannt sein dürfte: Jenseits von Afrika mit Meryl Streep und Robert Redford in den Hauptrollen als Karen Blixen und Denis Finchhatton. Die zugehörige autobiographische Buchvorlage von Karen Blixen erschien 1937, der Film – auf den ich mich hier beziehe – kam 1985 in die Kinos. Es lohnt sich ihn gesehen zu haben. Einmal weil er ein Klassiker ist, dann aber auch, weil er zeigt, dass die Liebe scheitert, wenn sie sich selbst nicht versteht. Der Wahlspruch Omnia vincit amor gilt nur wenn wir klären, was Amor ist.


Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngong Berge.


So beginnt die Geschichte von Karen Blixen und Denis Finchhatton. Die Geschichte einer Liebe, die uns entführt nachAfrika, dunkel lockende Welt, so der Titel der Buchvorlage. Die grandiosen Naturaufnahmen, die tragende Filmmusik und das feine Spiel der beiden Darsteller sind alleine für sich bereits eine Betrachtung wert. Alles zusammen erzeugt darüber hinaus aber auch genau jene Atmosphäre, in der sich tragische Liebesgeschichten entwickeln können. Eine Welt, jenseits des Alltäglichen.

Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Es ist oft nicht der Mangel an Liebe, der Beziehungen scheitern lässt. Es ist die mangelnde Fähigkeit darüber zu sprechen, was diese Liebe ist und vor allem worauf sie gründet. Ich lade hier dazu ein, die Liebe aus der Perspektive der Trauma-philosophie zu betrachten:


1. Mensch-sein bedeutet: mit dem Trauma der Existenz leben zu müssen. Dieses existenzielle Trauma bedeutet kurz gesagt, dass wir immer innerlich gespalten sind; nie völlig in der Welt aufgehen, sondern auf uns selbst zurückgeworfen sind; nie feststehen, sondern immer ein Entwurf sind; „zur Freiheit verdammt“ wie Jean Paul Sartre sagt. Auf diesem dunklen Urgrund ruht unser Leben, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.


2. Was wir "Liebe" nennen ist unsere ganzheitliche Antwort auf dieses grundlegende Trauma. Sie ist die wirksamste Kraft im Umgang mit diesem Trauma der Existenz, die Kraft, die uns Halt im Leben gibt, die Brücke zum anderen über die Haltlosigkeit und Einsamkeit der Existenz.


3. Die Liebe, und das ist hier das Entscheidende, kann auf zwei unterschiedliche Arten gelebt werden: sie verwirklicht sich in Begegnung und Beziehung. Philosophisch führt uns die Begegnungsliebe zum Ursprung des Dialogischen, zu Martin Buber und dem Grundwort Ich-Du sowie zur Kategorie des Augenblicks bei Kierkegaard. Beziehungsliebe führt uns zur ethischen Existenz, zu Emmanuel Lévinas und seinem Bild der Verantwortung im Angesicht des Antlitzes des Anderen. In beiden Arten die Liebe zu leben, liegt menschliche Größe und existenzielle Betroffenheit.


Eine genaue Analyse würde zeigen, dass es Begegnung in der Beziehung und Beziehung in der Begegnung gibt. Zur Verdeutlichung des Unterschieds zwischen diesen beiden Arten der Liebe beschränke ich mich hier aber auf die reine Gegenüberstellung. Es ist nämlich gerade dieses „Entweder - Oder“, das die treibende Kraft in der Geschichte von Karen und Denis ist. Es ist dieses „Entweder - Oder“, das zum tragischen Ende führt. Aus diesem Grund habe ich ihre Geschichte ausgewählt. Weil sie stellvertretend verdeutlicht, woran Liebesbeziehungen scheitern können.


Zunächst einmal: Jenseits von Afrika ist eine Utopie, ein Nicht- Ort, den Meryl Streep und Robert Redford unsterblich gemacht haben. Ihre Geschichte berührt uns, weil sie den Kern unserer Existenz berührt: unsere Sehnsucht nach erfüllender Liebe. Afrika steht dabei nicht für einen Kontinent, nicht für das pure geographische oder historisch-politische Faktum. Afrika steht als Chiffre für den Ort, an dem sich unsere tiefsten Bedürfnisse erfüllen, für die Verheißung des größten Geschenks. Wie Karen im Film es sagt: „einen flüchtigen Blick auf die Welt durch Gottes Augen.“


In diesem Sinn spreche ich hier von Afrika. Ich spreche von Afrika als einem Symbol für unsere Sehnsucht nach einer Liebe, die das existenzielle Trauma überwindet. Afrika als Synonym für jenen imaginären Ort, an dem unsere intimsten Wünsche wahr werden; wo wir das Menschsein erfahren, wie es gedacht war, wo wir uns ins Äußerste wagen und im Innersten berührt werden. Wenn ich Afrika sage, dann geht es nicht um ein Land, sondern um die Liebe. Eine Liebe wie die zwischen Denis Finchhatton und Karen Blixen. Eine Liebe, die sich nicht erfüllt, weil die Protagonisten sich über ihren Ursprung nicht im Klaren sind und ebenfalls nicht über die Auswirkungen dieser unbewussten Steuerung. Das Trauma bleibt unentdeckt und treibt Menschen in die Extreme: Denis verwirklicht Begegnungsliebe, Karen Beziehungsliebe. Weil sie das jeweilige Trauma dahinter nicht besprechen können, führt ihr Auseinanderdriften ins Unglück.


Wenn wir von der Liebe sprechen, sprechen wir von Begegnung oder Beziehung, von Lebensentwürfen, die das eigene Trauma überwinden helfen sollen. Die Geschichte von Denis und Karen offenbart das Muster unglücklicher Liebesbeziehungen, das aus diesen unterschiedlichen Entwürfen entstehen kann. Ihre Geschichte könnte geradezu als Warnhinweis für Liebende gelesen werden. Die Botschaft würde dann lauten: Macht euch zuerst einmal bewusst, was ihr selbst unter Liebe versteht und wo sie ihren Ursprung hat. Wenn das gelungen ist, dann verständigt euch über die Bedeutung von Begegnung und Beziehung. Wo diese Selbsterkenntnis und darauffolgende Verständigung nicht passiert, steht am Anfang Afrika, die Illusion der völligen Erfüllung, und am Ende der Tod. Der Tod, verstanden als eine Vernichtung, die keine faktische sein muss, sondern zumeist eine traumatische Vernichtung des Selbst bedeutet. Finchhattons Tod ist die Metapher für diese Vernichtung.

Was also sehen wir in diesem Film? Wir sehen den tragischen Verlauf einer wahren Liebe zwischen Traumatisierten, die im Niemandsland zwischen Begegnung und Beziehung auf einen tragischen Ereignishorizont zupendelt.


Über das existenzielle Trauma habe ich an anderer Stelle schon ausführlich gesprochen. Hier möchte ich noch die Begriffe Begegnung und Beziehung vertiefen. Liebe erfahren wir am intensivsten in der Begegnung. Kierkegaard hat dieses Moment dem Augenblick zugeordnet, bei Heidegger wäre er wohl in der Ekstase gefasst und vor allen anderen hat Martin Buber in der Begegnung das eigentlich Menschliche erkannt, den dialogischen Kern der Liebe: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Das Grundwort Ich-Du, so drückt er es in seiner ihm eigentümlichen Sprache aus, verwirklicht sich in der Begegnung, in der das Du absolut erlebt wird. Es ist die Erfahrung einer Entgrenztheit:


Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand. Denn wo Etwas ist, ist anderes Etwas, jedes Es grenzt an andere Es, Es ist nur dadurch gesprochen, dass es an andere grenzt. Wo aber Du gesprochen wird, ist kein Etwas. Du grenzt nicht.

Martin Buber. Ich und Du.


Die Erfahrung der Begegnung ist nicht beschränkt auf andere Menschen, findet dort aber ihren besonderen Ausdruck. Sie ist ausweitbar auf andere Lebewesen, die Natur oder auch Gott. Begegnungsliebe bezeichnet das Ereignis einer Liebe, die alle Grenzen überwindet, die Raum und Zeit beugt und am ehesten verwandt ist mit dem Begriff der Intimität im ursprünglichen Sinn.


Diese Form der Liebe ist intensiv, aber nicht extensiv: Sie lässt sich nicht halten, bewahren oder konservieren. Sie ist flüchtig. Wo sie sich ereignet, sprechen wir vom Augenblicksglück, denn so unvermittelt wie diese Liebe Besitz von uns ergreift, so unvermittelt entlässt sie uns auch wieder. Es ist uns Menschen nicht vergönnt, diese Liebe dauerhaft zu erfahren, uns in sie zu flüchten. Begegnung ist punktuell. Jedes Du in dieser Begegnung wird zwangsläufig auch wieder zum Es, stellt Buber fest. Das Gegenüber wird wieder zum Gegenüber, die Grenze kehrt zurück. Ich bin wieder Ich, Du bist wieder Du. Das zentrale Element der Begegnung ist die Berührung. In ihr verwirklicht sich Begegnung. Hartmut Rosa wird das „Resonanz“ nennen: das berührende Berührt-werden, über das wir nie völlig verfügen können, das uns aber existenziell ergreift, wenn wir bereit dafür sind. Und eines ist dabei noch wesentlich: Diese Liebe ist kein Gefühl. Sie ist von Gefühlen begleitet, ja. Aber sie ist mehr und anderes als „nur“ ein Gefühl. Auch hier findet Buber klare Worte:


Gefühle begleiten das metaphysische und metapsychische Faktum der Liebe, aber sie machen es nicht aus; … Gefühle werden „gehabt“, die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen, aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, … sie ist zwischen Ich und Du.

Martin Buber. Ich und Du.


Es ist diese Liebe, für die im Film die Figur des Denis Finchhatton steht. Das Offenbleiben für Begegnung ist sein Lebensentwurf, er sucht und findet diese Art der Resonanz in Afrika. Er findet es in der Todesgefahr angesichts einer Löwenattacke, in der Erfahrung des Schwebens über der Savanne, im knisternden Feuer in der afrikanischen Nacht, in der tiefen Freundschaft zu Berkeley Cole und schließlich in der Begegnung mit Karen Blixen. All diese Ekstasen sind wie Perlen auf der Schnur, die sein Leben ist. Er ist auch in der Lage, andere auf seine Reise ins Wunderland mitzunehmen, Schönheit und Grenzenlosigkeit zu teilen. Das ist seine Gabe, damit zieht er Karen in seinen Bann. Sie sucht und findet bei ihm Liebe in der Begegnung jenseits des Alltäglichen:


„An den Tagen in denen Denis zuhause war, sprachen wir nicht über alltägliches. Nicht über meine Sorgen mit der Farm, die fälligen Rechnungen, meine Missernten, oder von ihm und seiner Arbeit; oder von irgendwas was unbedeutend war und real. Wir lebten losgelöst und abseits von allem.“


Und Karen? Was bedeutet Liebe für sie? Was ist ihre Gabe? Es dauert lange, bis die Antwort auf diese Frage im Film zu Tage tritt. In einer Geschichte, die in der Realität siebzehn Jahre umfasst, die in zwei Stunden und dreißig Minuten zusammengefasst werden, fallen die entscheidenden Worte erst nach zwei Stunden, also knapp vor dem Ende. Das ist kein Zufall, sondern entspricht sehr genau der Dynamik des Aneinander-vorbei-liebens: Zunächst gelebt wird die Überwältigung in der Begegnung. In den Zeiten danach und dazwischen stellt sich allmählich immer drängender die Frage nach der Beziehung. „Wer sind wir füreinander“ ist die an diesem Punkt häufig gestellte Frage. Es ist die Frage nach einer Liebe, die in Beziehung gelebt wird, die sich nicht auf Momente der Begegnung reduziert, sondern die die Verantwortung füreinander außerhalb der Zeiten der Begegnung übernimmt. Das Grundwort der Begegnung ist das Ich-und-Du, das Grundwort der Beziehung ist das Wir. Beziehungsliebe zeigt sich nicht in den höchsten Ekstasen, sondern im täglichen Da-Sein für den anderen, in der Bereitschaft, die Herausforderungen des Lebens gemeinsam zu tragen, in der Akzeptanz des anderen als ganz anderen, den ich dennoch akzeptiere, in der Güte und der Öffnung für das Trauma des anderen. Emmanuel Lévinas findet hier deutliche Worte:


Die Verantwortung für die anderen bedeutet - ... – nicht die Enthüllung einer Gegebenheit und seine Aufnahme oder seine Wahrnehmung, sondern meine Ausgesetztheit den Anderen gegenüber, die jeder Entscheidung vorausgeht. Beanspruchung des Selben durch den Anderen mitten in mir, extremer Druck des Gebotes, das durch den anderen in mir auf mich einwirkt, traumatischer Einfluss des Anderen auf den Selben,... Durch diese Alteration beseelt die Seele das Subjekt. Sie ist das eigentliche Pneuma der Psyche.

Emmanuel Lévinas. Jenseits des Seins.


Lévinas beginnt, wo Buber endet. Buber – wie sein Freund und Kritiker Franz Rosenkranz in einem berühmten Brief an ihn aufzeigt – unterschätzt und vernachlässigt die zeitliche Dimension des Miteinander-Seins. So deutlich wie er den Finger auf das Wesen der Begegnung legt, so unklar ist seine Einstellung zu den Zeiten dazwischen. Er spricht hier lediglich von der „erhabenen Schwermut unseres Daseins“, dass auch jedes Du immer wieder zum Es werden muss. Lévinas sieht im Anderen hingegen nie ein „Es“. Als ganz anderer spricht der andere mich immer an, ruft mich in die Verantwortung, der ich mich nie entziehen kann, da jeder Akt, jedes Tun, ein Tun am anderen ist und sein wird. Liebe in der Beziehung bedeutet also die Annahme des Traumas der Andersheit, ein „sich-treffen-lassen“, im Wesentlichen: existenzielle Verantwortung, ethisches Dasein. Diese Beziehungsliebe ist mit Begegnungsliebe theoretisch vereinbar, aber dazu muss es gelingen, einen Ort der Erleuchtung zu erreichen: Jenseits von Afrika.


Karen Blixen sucht diesen Ort, als sie vor den bürgerlichen Bindungen in Dänemark flieht. Begegnung und Beziehung im genannten Sinn sind ihr fremd. Sie lebt eine Scheinbeziehung mit Bror von Blixen und richtet ihr Leben darauf aus, sich die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Ihr Leben ist pragmatisch und geht in den Verrichtungen des täglichen Lebens auf. Doch dann trifft sie Denis, und er zeigt ihr Afrika, eine Welt, in der es Schönheit und Intensität in einer Weise gibt, die sie bisher nicht kannte. Gemeinsam leben sie Begegnung und für lange Zeit ist das genug. Denis zieht bei ihr ein. Er findet ein Zuhause, einen Hafen, eine Zuflucht. Für einige Zeit ist ihr Leben im Gleichgewicht. Dann ist es Karen, die ausspricht, was zwischen Ihnen verborgen ist: Die Frage, wer sie füreinander sein wollen. Im Film kommt es zu folgendem Dialog:



Karen: Wenn du fortgehst, dann gehst du nicht immer auf Safari, nicht?

Denis: Nein.

Karen: Du willst einfach nur weg sein.

Denis: Ich will dir damit nicht weh tun.

Karen: Du tust es.

Denis: Karen. Ich bin mit dir zusammen, weil ich mit dir zusammen sein wollte. Ich möchte mein Leben nicht nach den Vorstellungen eines anderen leben. Verlang es nicht von mir. Ich will nicht eines Tages feststellen, dass ich am Ende des Lebens eines anderen stehe. Ich bin bereit für meins zu bezahlen; allein zu sterben, wenn es sein muss, ich glaub das ist fair.

Karen: Nein nicht ganz. Du willst, dass ich genauso dafür zahle.

Denis: Nein. Du kannst wählen. Und du bist nicht bereit dasselbe mir zuzubilligen.


Hier wird der Bruch erstmals sichtbar. Der Wunsch nach Geborgenheit trifft auf die Forderung nach Freiheit. Karen sucht Mitgefühl für ihren Schmerz, für ihr Trauma. Aber sie hat keine Sprache für das, was sie eigentlich bewegt, kann sich nicht wahrhaft mitteilen und bleibt im Vorwurf stecken. Was hätte sie aufzubieten gegen die Wucht der tragischen Existenz, die bereit ist für ihre Überzeugungen zu sterben? Die Konfrontation bricht an dieser Stelle ab, bevor die traumatischen Ursachen angesprochen werden könnten, die diese Art Gespräch auslösen. Statt dessen ist nur offensichtlich geworden, dass unter der Oberfläche etwas nicht stimmt und nur wenige Minuten später kommt es zum entscheidenden Dialog, der zum Bruch führt. Es geht endgültig darum, was Liebe heißen darf und wie sie gelebt werden soll. Denis möchte eine andere Frau mitnehmen auf seine Ausflüge in die Weiten Afrikas, in das Samburu Reservat. Mit dieser Vorstellung löst er das entscheidende Gespräch aus:


Karen: Warum ist dir deine Freiheit wichtiger als meine?

Denis: Ist sie nicht. Ich habe deine Freiheit nie beeinträchtigt.

Karen: Nein. Aber mir ist es nicht erlaubt, dich zu brauchen, oder mit dir zu rechnen, oder irgendetwas von dir zu erwarten. Es steht mir frei zu gehen. Aber ich brauche dich!

Denis: Du brauchst mich nicht. Wenn ich sterbe, stirbst du dann auch? Du brauchst mich nicht. Du verwechselst brauchen mit wollen, das hast du immer getan.

Karen: Mein Gott: in der Welt, die du erschaffen würdest, gäbe es überhaupt keine Liebe.

Denis: Oder in ihrer besten Art: die, die wir nicht beweisen müssten.

Karen: Dann würdest du auf dem Mond leben.

Denis: Warum? Weil ich nicht so will wie du? Setzen wir voraus, dass es für alles nur einen richtigen Weg gibt?

Karen: Ich habe etwas gelernt, dass du nicht gelernt hast: es gibt ein paar Dinge, die einem viel wert sind, aber die haben ihren Preis, und ich möchte eines davon sein. Ich werde es nicht zulassen Denis.

Denis: Du hast keine Ahnung, welche Wirkung diese Art von Rede auf mich hat!

Karen: Ich habe immer geglaubt es gäbe nichts, was du wirklich haben wolltest, aber das stimmt ja gar nicht. Du willst alles haben.

Denis: Ich fliege in die Samburu.

Karen: Dann wirst du dir eine andere Bleibe suchen.

Denis: In Ordnung.


In diesen wenigen Zeilen ist auf den Punkt gebracht, woran die Liebe zwischen Karen und Denis scheitert. Die entscheidenden Sätze sind auf der einen Seite die Feststellung, dass alles einen Preis hat und auf der anderen Seite das Gelöbnis, das eigene Leben nicht nach den Vorstellungen eines anderen leben zu wollen. Karen erträgt die Gewalt in Denis‘ Worten schweigend; wie sie es gewohnt ist. Denis hingegen spricht es aus: Du hast keine Ahnung, was du in mir anrichtest mit dem, was du da sagst. Was genau meint er? Was passiert in diesem äußerlich ruhig geführten Gespräch, das unter der Oberfläche so verheerende Wirkungen erzeugt?


Mit diesem Dialog bricht die Verbindung zwischen Denis und Karen ab. In weiterer Folge führt das zu Denis‘ Tod und zum Ende von Karens Afrika Erlebnis. Wenige Sätze reichen, um alles zu zerstören, was sich aufgebaut hat über Stunden, die Jahre bedeuten. Die vernichtende Wirkung dieser Worte lässt sich nur erklären im Rückgang auf die eingangs erwähnten Annahmen.


Es ist offensichtlich, dass die beiden Liebenden eine je unterschiedliche Lebensweise portraitieren, mit existenziellem Trauma zu leben: Begegnung und Beziehung. In Karen und Denis sind diese beiden Weisen anschaulich und in extremer Ausformung dargestellt. Denis lebt die Ekstasen der Begegnung, Karen lebt die Verantwortung in Beziehung. Für ihn verwirklicht sich Liebe im Augenblicksglück, für sie in der Annahme des Anderen als Ganzes. Er sagt: Ich bin bereit alleine zu sterben. Sie sagt: ich bin bereit den Preis zu zahlen für das, was ich liebe. Der Grund, warum dieser Satz für Denis so verheerend ist, liegt darin, dass er damit seine Art zu lieben vernichtet fühlt. „Du hast keine Ahnung, welche Wirkung dieser Satz auf mich hat“. Ich bezweifle, dass Denis selbst wusste, warum dieser Satz so stark wirkt. Er müsste sich sonst darüber im Klaren sein, dass die Forderung nach Beziehung sein Leben - das auf Begegnung aufbaut - an der Basis in Frage stellt, genauer gesagt: er fühlt sich in dem, was ihn ausmacht, was seine Gabe ist, nicht angenommen. Das ist so verheerend, weil die Frau die er liebt ihm damit scheinbar raubt, was er dringender braucht als alles andere: seine Art das existenzielle Trauma nicht spüren zu müssen. Für ihn bedeutet die Konfrontation mit dem Trauma der Geliebten – mit ihrem Wunsch nach Beziehung - die Konfrontation mit dem eigenen Trauma. Er fühlt sich damit nicht gesehen. Er spürt Angst, seinen Lebensentwurf nicht weiter leben zu können. Er fühlt seine Gabe nicht gewürdigt. In all diesen „nicht“ steckt eine Ver-nicht-ung. Das ist die Wirkung ihrer Worte: drohende Re-Traumatisierung.


Am anderen Ende der Verbindung fühlt Karen sich ebenso vernichtet, weil sie sich zunehmend als Ding unter Dingen fühlt, als austauschbares Begegnungsobjekt. Das „für jemanden wichtig Sein“ ist ihr Ausweg aus dem Trauma und sie ist bereit diese Wichtigkeit auch dem anderen zu geben, den Preis zu zahlen, um den anderen dadurch ihre Liebe spüren zu lassen. Wenn das Gegenüber diese Absicht nicht erkennt und würdigt, bedeutet das ebenfalls eine Vernichtung, wenn auch aus einer anderen Perspektive. Für Karen sieht es innerlich so aus: Ich spüre, dass du nicht bereit bist, mir den gleichen Wert zu geben wie ich dir. Sie spürt, dass Denis‘ Absicht die Liebe der Begegnung auch mit einer anderen Frau zu teilen ihren Wunsch nach Beziehung vernichtet. Sie fühlt ihre Gabe dadurch nicht gewürdigt, ihr Lebensentwurf droht zu scheitern.


Dieses „nicht gesehen werden“ ist das Gegenteil davon, was Liebe – verstanden als begegnende Beziehung – in ihrer höchsten Form sein kann. Was nicht gesehen wird ist: Das existenzielle Trauma, und die Liebe, die hilft, damit zu leben. Auch dazu noch einmal Lévinas:


Auf dieses unnachgiebig zwingende Gebot ist die einzige Antwort: „hier, sieh mich“,... Sagen der Inspiration, die nicht Gabe schöner Worte oder Gesänge ist. Zwang zum Geben, mit vollen Händen, und folglich zur Leiblichkeit.

Emmanuel Lévinas. Jenseits des Seins.


Denis und Karen haben keine Sprache, keine Erfahrung oder Übung, um ihre eigene Existenz in dieser Tiefe zu reflektieren und auch keine Sprache, um diese Metaebene einzunehmen und so vielleicht ihre Liebe zu retten. Sie sind im ursprünglichen Sinn sprachlos. Was sie jedoch beide spüren, ist ein ebenso starker wie unerklärlicher Schmerz – das ursprüngliche existenzielle Trauma - und in diesem Zustand fallen Entscheidungen, die nicht gut ausgehen. Dem Tod des Dialogs folgt der Tod von Denis. Karen zahlt den höchsten Preis, indem ihr Denis genommen wird und dazu auch Afrika; ihr Traum der erfüllenden Liebe. An Denis‘ Grab spricht sie es aus:


So nimm denn zurück die Seele von Denis George Finchhatton, den du mit uns geteilt hast. Er hat uns Freude geschenkt. Wir haben ihn sehr geliebt. Er gehörte nicht uns. Er gehörte nicht mir.


Was also können wir aus dieser Geschichte lernen?

Zunächst einmal, dass es entscheidend ist, die Ursprünge der eigenen Liebe zu kennen und die Art wie ich sie verwirklichen kann und will. Wo suche ich Begegnung, wo suche ich Beziehung, sollte die erste Frage sein. Dann ist es hilfreich, eine angemessene Sprache der Liebe zu haben, um klar sagen zu können, wovon die Rede ist. Mit Alltagssprache wird das nicht gehen, weil sie das existenzielle Niveau unterbietet, das die Liebe fordert. Es reicht nicht zu wissen, wie „Man“ liebt. Darüber lässt sich allenfalls trefflich streiten. Auch die reine Benennung der Gefühle führt nicht zum Ziel, sondern ist nur ein erster notwendiger Schritt. Es braucht Worte, in denen wir ausdrücken können, was Liebe für uns bedeutet, wie wir Begegnung und Beziehung verstehen und leben wollen. Dieser Weg führt in die Tiefe der Dialog- und Existenzphilosophie und damit zum Kern einer praktischen Philosophie.


Auf der emotionalen Seite braucht es den Willen und die Fähigkeit, das eigene existenzielle Trauma zu erkennen und anzunehmen, um auf Basis dieser existenziellen Haltlosigkeit die tiefe Verbindung, die in der Begegnung und in Beziehung liegt, spüren zu dürfen und sich tatsächlich ganz auf das Wagnis der Liebe einzulassen. So eröffnet sich eine Chance, der Re-traumatisierung zu entgehen und auf einer höheren Ebene zu lieben. Auch dazu noch einmal Lévinas, mit dem ich diese Erkundung im Feld der Liebe abschließen möchte:


Sich dem anderen nähern, das bedeutet, noch das zu verfolgen, was schon gegenwärtig ist, noch das zu suchen, was man schon gefunden hat, vom Nächsten nicht loskommen können. Wie das Liebkosen. Die Liebkosung ist die Einheit der Annäherung und der Nähe. In ihr ist die Nähe auch immer Abwesenheit.

Emmanuel Lévinas. Die Spur des Anderen.