Trauma Philosophie

Trauma ist ein heikler und vorbelasteter Begriff. Das Trauma – psychotherapeutisch verstanden als seelische Verletzung oder neurophysiologisch als Übererregung des Nervensystems - ist ein gut dokumentiertes Gebiet der psychologischen Forschung und Praxis. Ich wage mich als Philosophierender in dieses vereinnahmte Feld und biete in meiner Praxis eine alternative Interpretation zu Wesen und Wirkung von Trauma an. Ich möchte zeigen, wie Philosophieren helfen kann, mit Trauma zu leben.


Philosophisch gesehen könnte Trauma die Bezeichnung für ein negatives Erweckungserlebnis sein. Trauma im existenziellen Sinn verstehe ich als Erfahrung der Vereinzelung, des absoluten Zurück-Gezwungen-seins auf mich selbst. In der traumatischen Erfahrung zerreißt das unsichtbare Gewebe, das einen in die Gemeinschaft der Menschen einbindet. Trauma ist Existenzerfahrung. Um mit dieser Erfahrung gut leben zu können, braucht es existenziellen Dialog.


In das philosophische Verständnis des Traumatischen führt die Philosophie im Anschluss an Heidegger und Lévinas. Die Gewinnung dieses philosophisch vertieften Verständnisses von Trauma ist von höchster Bedeutsamkeit für Traumatisierte, weil das Trauma ein großes Bedürfnis erzeugt, zu verstehen, was da „eigentlich“ passiert ist. Das Verständnis für das Geschehene ist zugleich der entscheidende Schritt zur Linderung der höchsten Not. Psychologisch verankerte Erklärungen gehen von einer vorverstandenen Auslegung von „Normal“ aus, die bedeutet: „nicht-traumatisiert“. Diese Erklärungen sind also schon im Ansatz pathologisierend: Trauma wäre demgemäß - wie eingangs erwähnt – zu verstehen als eine bestimmte Form der psychischen Schädigung, eine Art „seelische Verletzung“. Wer diese Erklärung akzeptiert und sich selbst so definiert, für den kommt offensichtlich zur ursprünglichen Trauma-Erfahrung noch die Abwertung hinzu, die dieser Sichtweise implizit ist.

Es stimmt jedoch: Was sich im Trauma ereignet, macht einen Menschen anders; aber die Bedeutung dieser „Andersheit“ bleibt unklar, solange wir uns bei dem aufhalten, was als „normale“ Interpretationsmöglichkeit angeboten wird: Das Trauma als abgefallenes Dasein. Da bleibt nur eines: Akzeptieren, dass man „schadhafte Ware“ ist. Dieses Vor-Verständnis von Trauma bedeutet für den Trauma-Erfahrenden, dass sich zur ursprünglich erlebten Gewalt noch die dauerhafte Scham gesellt: die Unmöglichkeit, über sich selbst anders als in pathologischen Bezügen Auskunft zu geben. Ein Teufelskreis.


Trauma-Philosophie, oder eigentlich: existenzielles Philosophieren im Antlitz des Traumas, ist der Versuch, Vereinzelungserfahrungen, Selbstgefährdungen und die typische Stummheit des Traumas in einem anderen, größeren Rahmen zu verstehen: als positive Möglichkeit, als Chance und Offenheit für den wahrhaften Dialog und gelebte Sinnlichkeit.


Das Trauma vereinzelt. Das Trauma macht stumm. Wie umgehen mit dieser Einsamkeit? Das existenziell-dialogische Menschenbild bietet Hilfe: es macht deutlich, dass etwas überaus Positives steckt im Bruch mit dem „Normalen“, oder wie Heidegger es formuliert: dem Alltäglichen. Es gibt zwei typische Anzeichen der Wirkung von Trauma: einerseits das Gefühl nicht mehr dazu zu gehören, eine große innere Einsamkeit und andererseits eine extreme Sensibilität für lieblose und belanglose Kommunikation. Wer so fühlt weiß meistens nicht, dass er/sie zu einer großen Gruppe von Menschen gehört, die sich nie als Gruppe definiert und gerade dadurch unentdeckt bleibt. Die Interpretation der eigenen Geschichte als „Unglück“, verbunden mit dem Gefühl, sich nicht mitteilen zu können, sind Gründe für die Verzweiflung, die jede(r) im Trauma mit sich alleine herumträgt. Mein praktisch-philosophierender Beitrag zur Auflösung der Verzweiflung liegt darin, die Erfahrung des Traumas nicht als „psychischen Schaden“ zu sehen, sondern als Erfahrung einer ursprünglich menschlichen, existenziellen Grundsituation. Das eigentliche traumatisierende Erlebnis ist nicht identisch mit dem zurückbleibenden Trauma, sondern der Anstoß zur Erkenntnis eines immer schon bestehenden traumatischen Verhältnisses von Mensch und Welt. Darin liegt kein Schaden, sondern ein Stück Wahrheit. Wahrheit die zu Krise und Depression ebenso führen kann, wie zu Glück und Lust. Im Bewusstsein des Traumas liegt auch die Chance auf existenzielle Berührung und Begegnung.


Philosophieren im Bewusstsein des Traumas ist ein berührender Dialog im Bewusstsein darüber, dass Mensch-Sein notwendig bedeutet, sich um ein existenzielles Trauma herum zu entwickeln. Der eigentlich traumatisierende Anlass- im üblichen psychologischen Sinn - ist

nicht das Trauma, sondern bringt es lediglich zum Vorschein. Nun weiß ich, dass ich Ich bin und zu sein habe. Ich bin mir selbst nicht mehr unsichtbar. Ich fühle mich dem Blick der anderen ausgesetzt und sehe auch meine Mitmenschen in neuem Licht. In diesem Verständnis von Trauma liegt die große Chance zu echter Selbstwerdung, die im Dialog mit dem Du beginnt. Das Trauma öffnet den Blick auf das „Nichts“, aber es macht auch auf besondere Weise empfänglich und sensibel für das Schöne und für das Du.


Der Weg zu dieser veränderten Sichtweise ist kein leichter. Auch für den Umgang mit dem Trauma gilt: Der Mensch wird am Du zum Ich. Es ist nicht möglich, sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Zur Verwandlung kommt es nur durch die geteilte Erfahrung des existenziellen Dialogs. Diesen Dialograum zu schaffen ist mir Anliegen und Aufgabe. Geistig geht es um die Gewinnung einer Neu-Interpretation des Geschehens, nicht auf Basis pathologischer Befundung, sondern auf Basis des existenziellen Selbstseins, der Heidegger’schen Fürsorge, des Traumas im Sinne Lévinas’, der Begegnung im Sinne Bubers und der Wahrhaftigkeit der Parrhesia in einer existenziellen Auslegung Foucaults. Seelisch geht es um einen Zufluchts- und Resonanzraum, in der sein darf, was sonst keinen Platz hat. Körperlich geht es um die Rückgewinnung der Sinnlichkeit und der Lust. Es ist kein kurzer Weg und er erfordert Mut, aber es lohnt sich ihn zu gehen. Es braucht allerdings einen existenziellen Wegbegleiter, um sich nicht zu verirren.