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Trauma Philosophie 6

Trauma im Märchen: Der Wolf und die roten Käppchen


Der Wolf ist tot

Wer kennt es nicht, das Märchen vom kleinen Mädchen und dem bösen Wolf? Es ist immer wieder erzählt und interpretiert worden. Ich möchte die Geschichte hier durch die Brille der Traumatologie betrachten, die Hauptrolle verschieben und so zeigen, wie sehr sich die Geschichte ändert, wenn sie aus dem Blickwinkel des Wolfes erzählt wird. Wir sehen dann ein tragisches Stück in vier Akten ohne Happy End. Wir werden Zeuge eines Beziehungsgeschehens, das immer wieder zum Scheitern verurteilt ist, solange es dem Protagonisten nicht gelingt, das eigene Trauma zu transformieren.


Ein Blick in Wikipedia genügt, um festzustellen, dass dieses Märchen bereits viele Interpretationen durchlaufen hat. Das ursprüngliche moralische Motiv, eine Warnung an unschuldige Mädchen sich vor dem bösen Wolf zu hüten, bleibt aber in den meisten Fassungen erhalten. Eine Neuinterpretation muss diesen ausgetretenen Pfad verlassen. Ich orientiere mich hier nicht an der Moral, sondern an den Eckpunkten der Handlung: Zwei Figuren treffen sich im Wald, am Ende ist eine davon tot. Es ist nicht das Mädchen. Das ist das Spannende. Ironisch gesprochen könnte das Ganze eine Warnung an Wölfe sein, sich nicht in den Wald zu wagen. Wenn die Geschichte läuft wie geplant, dann ist am Ende Rotkäppchen glücklich, die Großmutter geheilt, der Wolf aber tot.


Diese gedankliche Kehrtwendung ist die Basis meiner Interpretation. Um die Geschichte in existenziell-traumatologischer Hinsicht zu verstehen, müssen wir den Fokus der Betrachtung in zwei Punkten verändern. Da ist zum einen die Szene, als die beiden Frauen völlig unversehrt aus dem Bauch des Wolfes steigen. Wie ist das möglich, wofür steht die Kaiserschnitt Zwillingsgeburt? Diese Frage führt geradewegs zum Kern der Interpretation, zum Dreh.- und Angelpunkt der Umdeutung des Geschehens: Nehmen wir an, es geht nicht um Verführung oder Gewalt, sondern es geht um Neugeburt. Hier wird nicht gefressen, hier wird geheilt. Rotkäppchen handelt dann nicht von Kannibalismus, sondern erzählt eine Geschichte von Heilung und Verwandlung. Im Zentrum stehen nicht die Zähne des Wolfes, sondern sein Bauch. Rotkäppchen wird nicht „vernascht“, verführt oder getötet, sie wird verwandelt. Die Geschichte sollte gelesen werden in Analogie zur biblischen Erzählung von Jonas und dem Wal. Auch dort ist der Bauch des Tieres ein Ort der Verwandlung.


Die entscheidende Wende in der Interpretation betrifft eine Verschiebung der Hauptrolle auf die Figur des Wolfes. Traditionell ist er der Böse, in satirischen Interpretationen auch schon mal der Dumme. In traumatologischer Hinsicht ist er derjenige, der das Trauma trägt. Er steht als Figur für das unerlöste Trauma auf der Suche nach Heilung. In ihm konkretisiert sich Trauma, verstanden als Leere im Inneren (ich habe an anderer Stelle von einem „Nichts“ gesprochen) das zugleich Wunde als auch Raum ist. Wenn wir Trauma als „Leere“ denken, dann gibt das Trauma Raum für Begegnung. Trauma öffnet Raum für den anderen mitten in mir. Das ist es, was der „Bauch“ in dieser Geschichte symbolisiert: leeren Raum für Wachstum, eine Stätte für Wandlung und Neugeburt. Der Wolf ist Hülle.


Mit diesen Verschiebungen im Fokus lässt sich die Geschichte nun neu erzählen. Aus Sicht der Traumatologie ist Rotkäppchen ein Vorzeigestück für den Verlauf von Beziehung und Begegnung im Leben von Trauma-offenen Menschen. Die Stationen dieses traumatischen Stückes in vier Akten sind dann immer wieder:

1. Die hoffnungsvolle Suche

2. Der Vorrang des Anderen

3. Die Transformation des Anderen

4. Der Tod des Wolfes


Lassen Sie mich vorausschicken, dass das Geschlecht der handelnden Personen in dieser Deutung keine Rolle spielt. Ob Enkelin, Großmutter, Jäger und Wolf, oder Enkel, Großvater, Jägerin und Wölfin spielt keine Rolle für den Verlauf der Geschichte.


1. Die hoffnungsvolle Suche


Die Geschichte beginnt mit dem Wolf. Dies ist seine Geschichte und Rotkäppchen ist nur das Synonym für eine bestimmte Art der Begegnung, wie sie dem „Wolfs-mensch“ immer wieder widerfährt. Der Wolf – das sagte ich schon – ist der Trauma-offene Mensch: ein Mensch, in dem das Trauma wirkt, auch wenn er sich dessen vielleicht nicht bewusst ist. Ich nenne seine Verfasstheit Trauma-offen, weil es das Trauma ist, das ihn öffnet für andere. Trauma im existenziellen Sinn ist der Nicht-Ort im eigenen Sein, die Leere inmitten des eigenen Daseins. Diese Leere gibt Raum für andere; Raum, der sich vom anderen „besetzen“ lässt; Raum, in dem der andere umhüllt wird und wachsen kann; kurz gesagt: Trauma bietet einen Bauch.


Wolf sein heißt Bauch sein für andere. Das ist der Fluch und der Segen des Traumas.

So heilend dieser leere und doch umhüllte Raum für andere sein kann, so schmerzhaft ist er für den Wolf. Er ist der Motor einer Sehnsucht nach Fülle, nach Ankommen, nach einem „Zuhause“. Der Trauma-offene Mensch sucht instinktiv nach einer Erfahrung, die ihm hilft, diese Leere zu füllen. Diese Absicht treibt ihn in den Wald, den Ort wo Begegnungen abseits des Alltäglichen möglich werden. Diese Hoffnung auf erfüllende Begegnung ist die treibende Kraft des ersten Aktes, sie erst setzt die Geschichte in Gang. Und tatsächlich trifft der Wolf auch immer wieder auf eine Person, die die Macht zu haben scheint, ihn zu heilen, jemand den er lieben kann, jemand auf den er die Hoffnung projiziert, dass seine Leere erfüllt wird. Aber – und das ist das Entscheidende – diese:r andere darf nicht „genommen“ werden, nicht vernascht, verführt oder sonst irgendwie gezwungen. Die Fülle muss ein Geschenk sein, eine freiwillige Gabe aus Liebe. Das ist die Hoffnung des Wolfes und der Grund, warum im Märchen der Wolf sein Gegenüber nicht sofort verschlingt. Es geht nicht um die schnelle Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern um die Sehnsucht nach Fülle. Also wird die momentane Lust unterdrückt und einem höheren Ziel unterstellt: Der Hoffnung auf eine Fülle, die in der Lage wäre, das Trauma zu erlösen. Und damit beginnt der zweite Akt.


2. Der Vorrang des Anderen


Für den weiteren Verlauf der Geschichte übergehe ich die einprägsamen Sprüche des Originales („Warum hast du so große Ohren?“ etc.) und bleibe bei der Interpretation des Beziehungsgeschehens aus traumatologischer Sicht. Was passiert hier? Der Wolf verzichtet auf schnelle Befriedigung seiner kurzfristigen Lust und stellt sich in den Dienst eines höheren Ziels, angetrieben von der Hoffnung auf Erlösung. Dieses Zurückweichen ist nun der Moment der Öffnung für den anderen. Diese:r andere erfährt etwas Neues: sie wird nicht zur Bedürfnisbefriedigung ihres Gegenübers benutzt, ganz im Gegenteil: ihr eigenes Motiv wird handlungsleitend für den weiteren Verlauf der Geschichte. Rotkäppchen möchte mit ihrer Großmutter vereint sein. Das ist ihr Motiv, ihre Suche, ihre Hoffnung. Hier öffnet sich die Tür weit für psychologische Deutungen, die in die Richtung gehen: schädliche weibliche Energie (Mutter, die ihr Kind zu den Wölfen in den Wald schickt) wird überwunden durch die Vereinigung mit guter weiblicher Energie (die weise Alte, die Unterschlupf gewährt). Wie gesagt: die Geschichte lässt sich genauso gut auch mit umgekehrten Geschlechterrollen schreiben, dann steht die „Großvater“ Energie für das Heilende im Männlichen.

Entscheidend ist, dass die Rotkäppchen Figur bestimmt ist durch den Wunsch sich mit einem „kranken“, also zu heilenden Teil des Selbst zu verbinden und so „ganz“ zu werden. Dafür steht die Großmutter in der Geschichte. Dieser Wunsch bekommt nun den Vorrang vor der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung des Wolfes. Das ist kein Entschluss, keine Entscheidung, keine bewusste Handlung. Es passiert in dieser Form der Begegnung immer wieder, weil Trauma diesen Sog erzeugt. So wie Wasser immer talwärts fließt, fließt die Energie der Beziehung in die Leere, in das schwarze Loch des Traumas. Und so kommt es zum dritten Akt.


3. Die Transformation des Anderen

Der Wolf ist der Bauch, in dem sich Verwandlung und Neugeburt ereignen können. Wolf sein ist Katalysator sein für Transformation. Dies ist möglich durch die Leere im Inneren, die Trauma genannt wird. Hier, in diesem umhüllten Raum vereinen sich die Anteile des Gegenübers und treten aus ihm als verwandelte heraus. Mit dem entscheidenden Moment der Neugeburt durch Kaiserschnitt erfährt die Geschichte ihre Wende: Rotkäppchen ist zur Frau gereift und die Großmutter geheilt.


4. Der Tod

Was geschieht nun mit dem Wolf? Zunächst ist er erschöpft; die Energie für die Transformation hat ihn erledigt. Was er noch nicht weiß, aber wenig später als „Re-Traumatisierung“ erleben wird: seine Hoffnung auf Liebe wird nicht nur enttäuscht, sondern mehr noch, erst sein Tod besiegelt die Geschichte. Es ist gerade dieser Tod am Ende der Geschichte, der kennzeichnend und typisch ist für das unerlöste Beziehungsleben der Trauma-offenen. Der eine erfährt Neugeburt, der andere Tod. Das Symbol der schweren Steine die der andere zurücklässt trifft das Gefühl sehr gut. In der Realität wird dieses Rotkäppchen Drama überall dort sichtbar, wo am Ende der Beziehung die eine Seite Transformation erlebt, die andere mit den schweren Steinen übrig bleibt. Und die ganz schlechte Nachricht: wenn die Geschichte sich herumspricht, ist der Wolf auch noch der Böse; zumindest der Dumme.


Traumatologisch betrachtet, ist Rotkäppchen also die Geschichte vom scheiternden Liebesleben Trauma-offener Menschen. Sie beginnt mit der Suche nach Erfüllung, führt zu Transformation des Geliebten und endet in der Re-Traumatisierung des Liebenden.

Man könnte es auch so erzählen:



Einst ging Trauma in den Wald. Es hatte die Hoffnung aufgegeben unter den Menschen zu finden, was es erfüllen würde. Die Natur war immer schon Freund gewesen und vielleicht, so dachte es, finde ich hier, was ich suche.

Und tatsächlich, nach ein paar Tagen, erscheint ein Wesen, wie Trauma es sich gewünscht hatte, ohne zu wissen, dass es so war: Trauma begegnet Schön. Schön soll es sein, das weiß Trauma sofort. Aber Schön ist von überaus zartem Gewebe, schon die leiseste Berührung könnte es zerspringen lassen.

Schön wiederum erkennt Trauma nicht. Denn Trauma hat kein eigenes Gesicht. Es nimmt immer das Gesicht an, dass es vom Gegenüber bekommt. Mal sieht es aus wie ein böser Wolf, mal wie dessen Opfer, oder wie irgend etwas anderes, das Menschen sehen wollen. Auch Schön sieht in Trauma ein Gesicht, ein Gesicht dem es vertraut. So kommen die beiden sich näher und Trauma erkennt, dass es etwas gibt, dass Schön traurig macht: Schön wird verfolgt von einem Schatten, den es selbst nicht sehen kann, der aber allen Dingen ihr Strahlen nimmt.


Weil sie beide so alleine sind, beschließen sie, die Nacht gemeinsam zu verbringen. Wie aus dem Nichts zaubert Trauma ein Zelt, in dem Schön und der Schatten ruhig und sicher schlafen können. Trauma selbst hält draußen Wache.

Am nächsten Morgen erwacht Schön und etwas hat sich verändert. Die Dinge wirken strahlender. Schön bemerkt ein fremdes Gesicht neben sich auf der Lichtung, ein unbekanntes Gesicht, in dem es den Vertrauten vom Vortag nicht mehr erkennt. Trauma schläft und so stiehlt sich Schön davon, erfreut sich der strahlenden Dinge und folgt dem Schmetterling, den es die ganze Zeit über gesucht hatte. Den Schatten nimmt es mit, aber er ist nun zu klein geworden, um die Welt zu trüben.

Dann erwacht auch Trauma und erkennt, dass es von Schön verlassen wurde. Zurück blieb nur der dunkle Schatten, der das Herz erkalten lässt. Trauma wird überwältigt vom Schmerz und wird zu Stein. Und so verbringt es die nächsten hundert Jahre. Die Jahreszeiten tauen es allmählich wieder auf und als es zu sich kommt, wandert es zurück in die Stadt. Es bekommt vom Man sein Allerweltsgesicht wieder aufgesetzt und wandelt unerkannt durch die Straßen.



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