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Schiffbruch mit Tiger

  • 10. Juli
  • 13 Min. Lesezeit

Existenzielle Themen im Film

Vortrag im Rahmen der Nächte der Philosophie 2026


Ich möchte Sie heute einladen, mich ins Kino zu begleiten. Gemeinsam sehen wir uns Filme mit einem klaren Fokus an. Ich will Ihnen zeigen, was ich als Existenzialist sehe, wenn ich ein Menschenleben betrachte.  Für mich macht es keinen Unterschied, ob es um reale oder fiktive Geschichten geht. Ich sehe, wie das Existenzielle das Alltägliche bestimmt. Ich will Ihnen heute an ausgewählten Beispielen zeigen, was ich meine, wenn ich sage, dass Menschsein bedeutet, ein Leben rund um ein Trauma zu gestalten.

Bei der Auswahl der Filme habe ich keine Inszenierungen ausgewählt, die ausdrücklich existenzielle Themen auf die Leinwand bringen. Ich habe mich bewusst für das sogenannte Mainstream Kino entschieden; für Filme, die für ein breites Publikum gedacht sind. Diese Herangehensweise entspricht meiner Überzeugung, dass sich das Existenzielle im „Normalen“ verbirgt, aber dort nicht explizit ausgesprochen wird.  Das existenzielle Trauma ist Dreh- und Angelpunkt des Lebens, aber gleichzeitig nie dessen Thema oder Inhalt. Das Trauma gibt die Richtung vor, ohne selbst Thema zu werden. Das Existenzielle wirkt bei uns Menschen im Verborgenen, verdeckt hinter Zielen und Besorgungen. Diesem Umstand trage ich durch die Auswahl der Filme Rechnung. Sie behandeln scheinbar triviale oder politische Themen, sind in der Tiefe aber durch das existenzielle Trauma gesteuert. Daher noch einmal: Menschsein bedeutet, eine alltägliche Geschichte zu erzählen, um eine existenzielle Leere zu füllen. 

 

Die Frage ist natürlich berechtigt, was das spezifisch Philosophische an dieser Definition ist.  Die Antwort klingt vermutlich überraschend: es ist Nichts; genauer gesagt: Das Nichts. Lassen Sie mich erklären.

In einer streng kritischen Herangehensweise ist entscheidend, womit man beginnt.  Was setzen wir an den Anfang? Ich wage zu behaupten, dass wir am Ende nur finden werden, was wir am Anfang versteckt haben. Bei den großen Fragen stecken die Antworten schon in den Fragen. Wenn ich mit der Frage beginne, ob es Gott gibt, habe ich in gewissem Sinn „Gott“ bereits gesetzt. Wenn ich mit Neurophysiologie beginne, habe ich biologische Grenzen bereits gezogen und werde Antworten daher auch nur innerhalb dieser Grenzen finden. Wenn ich – um auch ein abschreckendes Beispiel zu geben – mit Rassenfragen beginne, werde ich auch Rassenkonflikte finden.

Die entscheidende philosophische Frage ist daher: Gibt es einen „neutralen“ Beginn?

Wer mit „Etwas“ beginnt, hat offensichtlich nicht gesucht, sondern schon gefunden. Die Alternative dazu liegt im existenziellen Denken. Existenzielles Denken setzt die Existenz vor die Essenz. Das ist oft gesagt worden.  Wenn wir darauf verzichten, eine Essenz anzunehmen, dann beginnen wir nicht mit „Etwas“, sondern mit „Nichts“. Das gilt es wörtlich zu nehmen.

Existenzialismus könnte man definieren als jene Haltung, die das sokratische „Wissen von Nichts“ vertieft zur „Erfahrung des Nichts.“ Existenz beginnt mit Nichts. Dieses Nichts ist nicht kosmologisch zu verstehen, sondern existenziell. Wir beginnen mit Nichts. Da bleibt eine wichtige Frage offen: Wie erfahren wir das Nichts?

 

Das Nichts wird erfahren in einer Ver-Nichtung:  im Trauma. Diese Erfahrung, die Erfahrung des Nichts im Trauma, ist die genuin existenzielle Erfahrung. Ich nenne die Erfahrung des Nichts Trauma und setze diese Erfahrung in das Zentrum des Menschenlebens.

Das ist die Basis einer Traumaphilosophie, die Existenzialismus genannt wird, obwohl sie nie ein

-ismus sein kann. Existenzialismus ist keine philosophische Disziplin, die gelehrt werden kann. Es ist eine individuell gemachte Erfahrung und eine Haltung, die sich daraus ergibt, dass man gelernt hat, mit Trauma zu leben.

Vernichtende, traumatisierende Erfahrungen können unterschiedlich sein und müssen nicht notwendig mit Gewalt zu tun haben. Was uns als Menschen verbindet, sind nicht die individuellen Wege, wie wir Trauma erleben, die konkreten traumatisierenden Erfahrungen, sondern das Trauma des Nichts, das dadurch aktualisiert wird. Das eint uns.

 

Existenziell denken und leben bedeutet daher, das Nichts ernst zu nehmen. Es bedeutet, wie Karl Jaspers es so treffend genannt hat: Halt im Haltlosen finden. Dieser Halt ist in der unreflektierten Lebensführung immer schon da und orientiert sich an dem, was man begehrt oder ablehnt. Das vermag ein Leben zu füllen. Erst die Erfahrung einer traumatisierenden Schlüsselszene zwingt uns zur Konfrontation mit dem Nichts. Traumatisierung ändert alles. Diese Konfrontation ist begleitet von Gefühlen, von denen ich drei hervorheben will: Die Angst, die Scham und die Schuld; die traumatische Trias. In diesen Befindlichkeiten wird Ver-nichtung spürend erfahrbar. Diese drei existenziellen Grenzerfahrungen werde ich im Folgenden aus Filmen extrahieren.

 

Ich möchte aber zu Beginn auch gleich ein Vorurteil aus dem Weg räumen, das besagt, das existenzielle Denken drehe sich nur um Tod und Verderben. Das stimmt so nicht. Ich gehe davon aus, aber ich bleibe dort nicht stehen. Das existenzielle Leben führt im Gegenteil zu einem besonders intensiven Leben. Wenn wir radikal akzeptieren, dass alles, was wir haben, diese wenigen Wochen sind, die wir hier verleben dürfen, dann öffnet uns das für die stärkste Liebe, die Rührung durch das Schöne und für die Würdigung allen Lebens. Aus der Akzeptanz des Sterbens folgt die Würdigung des Lebens.  „Death is the mother of beauty.“ Das könnte im Zentrum der Philosophie der Existenz stehen.

 


Damit nun zum heutigen Thema: Schiffbruch mit Tiger. Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige Buch von Yann Martel und dessen Verfilmung durch Ang Lee. Ich habe diesen Film als Titel gewählt, weil er die eben beschriebene existenzielle Grundsituation auf die große Bühne bringt.

Dazu eine weitere philosophische Vorbemerkung. Es ist das Verdienst von Hans Blumenberg gezeigt zu haben, dass wir – wenn wir über die ersten und letzten Dinge sprechen - auf Metaphern angewiesen sind. Wenn wir es ernst meinen mit dem Beginn aus Nichts, dann bedeutet das auch, dass wir von nun an nicht mehr über Tatsachen sprechen, sondern über Bilder, über Metaphern in einem absoluten Sinn. Der Mensch und die Welt, zuletzt denken wir sie in Bildern, da die Realität für unsere begrenzte Perspektive nicht erfassbar ist. Wir blicken nicht gottgleich von „außen“ auf das Universum und uns selbst, sondern immer nur von einem „innen“, dem Blickwinkel unserer Sinne und unseres Erkenntnisapparats. Daher sind wir, um unsere Situation als Mensch zu beschreiben, darauf angewiesen sogenannte absolute Metaphern zu verwenden. Die Leitmetapher meines heutigen Vortrages zur Situation des Menschlichen lautet: Schiffbruch mit Tiger.

Für Interessierte: Die Metapher des Schiffbruchs hat eine lange Geschichte in Literatur und Philosophie, die Hans Blumenberg sehr genau nachzeichnet in seinem Buch: Schiffbruch mit Zuschauer. Blumenberg gibt darin auch das Leitmotiv dieses Vortrags vor:

 

Der Schiffbruch, als überstandener betrachtet, ist die Figur einer philosophischen Ausgangserfahrung.(Hans Blumenberg. Schiffbruch mit Zuschauer)

 

Blumenberg nimmt bei seinem Weg durch die Geschichte dieser Metapher für das Menschsein seinen Ausgang bei Lukrez und dessen Bild eines beobachteten Schiffbruchs:

Wonnevoll ist's bei wogender See, wenn der Sturm die Gewässer aufwühlt,

ruhig vom Lande zu sehn, wie ein andrer sich abmüht;nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet,sondern aus Wonnegefühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.

(Lukrez. De rerum Natura)

Dieses Bild ist eine stimmige Beschreibung dessen, was es heißt Mensch zu sein, allerdings in einem modernen Sinn, der sich Lukrez nicht erschließen konnte. In der nach-psychoanalytischen Interpretation beschreibt diese Szene keine äußeren Verhältnisse, sondern unsere innerpsychische Verfassung. Mensch sein heißt: zugleich festes Land haben und Schiffbrüchiger sein, darüber hinaus aber auch noch der Beobachter sein, der dieser Szene zusieht. Im Laufe eines Lebens, vielleicht sogar eines Tages, können wir zwischen diesen Positionen wechseln: das Unglück der hilflosen Verlorenheit spüren, das Glück des festen Halts oder die Kühle des neutralen Beobachters.

 

Hier beginnt die Geschichte von Pi Patel, der Protagonist im Buch von Yann Martel. Der Plot in Kürze: Der junge Pi (eigentlich Piscine) Patel ist der Sohn eines Zoobesitzers in Indien. Als die Familie nach Amerika auswandert, ereignet sich ein großes Unglück: Das Schiff sinkt, seine ganze Familie ertrinkt und Pi findet sich als einziger Überlebender in einem Rettungsboot wieder, das er sich, nachdem drei andere Tiere getötet werden, mit einem Tiger teilen muss.  Der Schiffbruch ist überlebt, das feste Land aber außer Sicht. Der weitere Film widmet sich nun dieser prekären Situation.

Der junge Pi steht stellvertretend für uns alle, die wir Trauma in uns tragen. Pi hat eine Vernichtung erfahren, das Nichts in Form des gewaltsamen Todes seiner gesamten Familie. Das Trauma hat sich aktualisiert. Doch nun kommt noch eine spannende Figur hinzu: der Tiger. Das Raubtier ist der passende Ausdruck für die traumatische Angst: die mit einer Erfahrung des Nichts verbunden ist. Diese Angst kann einen Menschen töten – nicht nur metaphorisch. Eine Traumatisierung überleben wir nur, wenn es uns gelingt, mit dem Tiger fertig zu werden, der dadurch in unserem Inneren befreit wurde. Wir finden in diesem Film alles bildlich treffend dargestellt: Das Trauma als Erfahrung der Vereinzelung im Bild des Ozeans, die Hoffnung im Bild des Rettungsbootes und die existenzielle Angst und den möglichen Tod im Bild des Tigers. Um zu überleben, muss sich Pi arrangieren. Der Tiger ist da. Die Geschichte ist hier sehr konsequent: Selbst als Pi die Chance hat, den Tiger zu beseitigen, tut er es nicht. Er weiß: er gehört zu ihm. Auch eine zweite Scheinlösung wird vermieden: Pi und der Tiger stranden auf einer seltsamen Insel, die tagsüber Nahrung und Wasser im Überfluss bietet, sich nachts aber in ein menschenfressendes Monster verwandelt; eine treffende Metapher für die mögliche Flucht in den Wahnsinn, in die Psychose, die das Überleben sichert, um den Preis der Realität.

Pi wird gerettet. Um es bis zu diesem Moment zu schaffen, muss er Einiges „richtig“ machen; d.h. wir können aus seiner Geschichte Lehren ziehen für den Umgang mit dem traumatischen Tiger, sollte er uns begegnen. Wenn wir Pi Patel folgen, führt der Weg zum sicheren Land über 4 Stationen:

·      Wir dürfen Glaubenssätze loslassen (Der Vegetarier Pi beginnt Fische zu essen).

·      Wir müssen der illusorischen Sicherheit der Psychose widerstehen.

·      Wir müssen akzeptieren, dass wir den Tiger nie verstehen werden.

·      Und schließlich die zentrale Botschaft des Films: Es ist Ok, im Rückblick die Geschichte als Sieger zu erzählen, nicht als Versager.

Das ist die entscheidende Botschaft dieses Films: Egal was passiert, wenn du überlebt hast, zählt die Geschichte, die du dir selbst erzählst. Das ist der Kern des sogenannten „narrativen Ansatzes“ den die Psychotherapie in Folge Paul Ricoeur‘s Einführung der narrativen Identität aufgegriffen hat. Wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen.

 

Die Geschichte von Pi Patel steht als Ganzes für die Situation, in der wir uns als Menschen befinden, für die Bedrohungen und die Wege des Heils. In den nächsten Beispielen greife ich nur noch einzelne Szenen heraus. Es geht um Szenen, die ich Schlüsselszenen nenne: Erfahrungen, die sich in unsere Körper als Trauma einschreiben und ab diesem Moment Aufgabe werden. Ich habe ausführlicher darüber geschrieben in meinem Artikel Bestellt und nicht abgeholt.

Einleitend zum Begriff der Schlüsselszene ein Zitat aus Ingeborg Bachmanns Roman Malina. Sie beschreibt darin eine traumatisierende Erfahrung, die sie vermutlich selbst als Kind gemacht hat.

In einer Großaufnahme steht die kleine Glanbrücke da, nicht das abendliche Seeufer, nur diese mittäglich übersonnte Brücke mit den zwei kleinen Buben, die auch ihre Schultaschen auf dem Rücken hatten, und der ältere, mindestens zwei Jahre älter als ich, rief: Du, du da, komm her, ich geb dir etwas! Die Worte sind nicht vergessen, auch nicht das Bubengesicht, der wichtige erste Anruf, nicht meine erste wilde Freude, das Stehenbleiben, Zögern, und auf dieser Brücke der erste Schritt auf einen anderen zu, und gleich darauf das Klatschen einer harten Hand ins Gesicht: Da, du, jetzt hast du es! Es war der erste Schlag in mein Gesicht und das erste Bewußtsein von der tiefen Befriedigung eines anderen, zu schlagen. Die erste Erkenntnis des Schmerzes. Mit den Händen an den Riemen der Schultasche und ohne zu weinen und mit gleichmäßigen Schritten ist jemand, der einmal ich war, den Schulweg nach Hause getrottet, dieses eine Mal ohne die Staketen des Zauns am Wegrand abzuzählen, zum erstenmal unter die Menschen gefallen, und manchmal weiß man also doch, wann es angefangen hat, wie und wo, und welche Tränen zu weinen gewesen wären.“

(Ingeborg Bachmann: Malina)

 

Jemand, der einmal ich war. Kürzer und prägnanter kann man die verheerende Wirkung einer Schlüsselszene nicht beschreiben. Dort, wo sie sich in einem Leben ereignet, bildet sich ein Loch, um das herum von nun an gelebt werden muss. Das existenzielle Trauma ist nun erfahren, der Tiger befreit. Lassen sie mich hinzufügen: Das ist keine Sache, die man auf die leichte Schulter nehmen kann. Es ist das zentrale Problem der Existenz: Sein oder Nicht-Sein ist ab nun die Frage. Es geht um nichts weniger als die Frage, was den Selbstmord verhindert. Ganz so, wie es Camus formuliert hat:

 

Es gibt nur eine wirklich ernste philosophische Frage: die des Selbstmords. Die Entscheidung, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.  (A. Camus. Der Mythos des Sisyphus)

 

Immer ist es die Vereinzelung, die Existenzerfahrung, die uns an den Punkt bringen kann, das Leben jäh zu beenden. Dazu sei gesagt: wenn ich hier von Selbstmord spreche, dann nicht vom überlegten assistierten Suizid. Ich spreche von dem Raubtier, das einen Menschen anspringen kann, der das Leben noch vor sich hat, ein Leben, das noch Chancen und Heil bietet, es aber nicht mehr zulassen kann. Hier geht es nicht um „ich töte mich“, sondern um das traumatische Nichts, das mich verschlingt.

In diese ausweglose Gasse führt die existenzielle Angst, wie bei Pi Patel, aber auch die Scham. Scham, die ein Weiterleben unerträglich scheinen lassen kann. So zu sehen im nächsten Film, den ich besprechen will: A star is born.

Im 2018 veröffentlichten Remake der Geschichte spielt Alkohol einen Brandbeschleuniger. Die entscheidende Szene der Beschämung ereignet sich, als sich Bradley Cooper alias Jackson Maine bei der global übertragenen Preisverleihung seiner Geliebten öffentlich auf der Bühne in die Hose macht. Scham, die zu einer tödlichen Erkenntnis führt: Ohne mich sind die anderen besser dran. Sie führt in Kombination mit Alkohol in die Garage mit einem Strick.

Pi Patel überlebt, weil er die Droge verweigert und lernt, seine Geschichte zu erzählen. Jackson Maine stirbt, weil der Alkohol, in Verbindung mit Scham, das eigene Leben nicht mehr lebenswert erscheinen lässt.

 

Beide haben eine traumatisierende Erfahrung gemacht, eine Grenzsituation erfahren, wie Jaspers sie beschreibt:

Die Grenzsituationen – … – zeigen mir das Scheitern. Was tue ich angesichts dieses absoluten Scheiterns, dessen Einsicht ich mich bei redlicher Vergegenwärtigung nicht entziehen kann?

 

Schlüsselszenen sind solche Grenzerfahrungen, die spürbar werden in Angst, Scham und Schuld. Schuld hat in diesem Trio einen besonderen Rang, weil sie sich nicht vermeiden lässt. Wir können nie alle unsere Bedürfnisse und die aller andern erfüllen. Es bleibt ein Rest. Der Rest heißt Schuld. Diese Schuld kann existenzielle Ausmaße erreichen und dann ein Leben bestimmen, zu sehen im nächsten Film in meiner Auswahl: Minority Report (2002).

Die Themen, die in diesem Film behandelt werden, drehen sich an der Oberfläche um Verbrechensbekämpfung, Intrigen, totalitäre Überwachung und Machtmissbrauch. Der Plot in Kürze: In der Zukunft gibt es eine Institution (Pre-Crime) bei der „Savants“ vorhersagen können, wo ein Mord passieren wird. Die Polizei kann dann eingreifen und den Mord verhindern, bevor er geschieht. Die Mordrate sinkt gegen Null, ein Erfolg der totalen Überwachung.

Das Thema „sehen und gesehen werden“ ist das Leitthema des Films. Sehen ist Macht, gesehen werden ist Ohnmacht. Das wäre eigentlich ein Paradebeispiel für eine philosophische Diskussion darüber, wieviel Macht der Staat haben darf. Das ist hier aber nicht die Wurzel.

In der Tiefe ist die Hauptfigur des Films existenziell gesteuert. Die Hauptrolle des alles sehenden Polizisten spielt Tom Cruise. Er sieht die Zukunft, er sieht was passieren wird und kann es verhindern. Er lernt im Laufe der Geschichte sogar die Welt mit anderen Augen zu sehen. Buchstäblich.

Existenziell gesehen ist dies ein Film, der zeigt, wie nicht vergebene Schuld ein Leben prägt. Tom Cruise – das wird in einer kurzen Sequenz als Rückblende verdeutlicht – hat einmal nicht hingesehen. Ein kurzer Moment im Schwimmbad und sein Sohn ist für immer verschwunden. Die Schlüsselszene. Schuld, die nicht gesühnt werden kann. Schuld, die von nun an ein Leben bestimmt, in dem das Hinsehen, das „Alles sehen“, das Vorhersehen der bestimmende Faktor wird. Aus dieser Perspektive handelt der Film nicht von fragwürdigen politischen Fehlentwicklungen, sondern von einem Menschenleben, das an der Oberfläche Verbrecher jagt, in der Tiefe aber von Schuld getrieben ist. Die Schlüsselszene steuert nicht nur den einzelnen Menschen, sondern wird zum Fundament einer totalitären Überwachung. Nie wieder wegsehen. Vielleicht das beste Beispiel dafür wie Trauma ein Leben bestimmt und das Leben aller die damit in Berührung kommen.

 

Die Angst, die Scham und die Schuld, so meine These, hinterlassen im Innersten ein Loch, um das sich dann das gesamte Leben dreht. Gibt es Rettung?

 

Es gibt auch hier eine Reihe Filme, die zeigen, wie ein Leben trotz oder gerade wegen Trauma gelingen kann. Auch dazu zwei Beispiele.

 

Im schwedischen Film „Wie im Himmel“ findet ein herzkranker Dirigent zu sich über die Kraft der Musik. Als Kind gemobbt und verprügelt, mit der Geige im Kornfeld versteckt, schafft er es als Erwachsener auf die Bühne als Stardirigenten. Die Anstrengung wird schließlich zuviel und er kehrt in das Dorf seiner Jugend zurück. Er beginnt dort den Kirchenchor zu leiten. Diese Aufgabe bringt ihn in Kontakt mit der der ursprünglichen Kraft der Musik, in Kontakt mit der Liebe und er wirkt im Dorf transformierend. Die entscheidende Szene sieht man erst gegen Ende der Geschichte: Geistig kehrt er als Erwachsener zurück in das Kornfeld, in dem er sich als Kind versteckt hat. Er findet dort das Kind, das er war und schließt es in die Arme, liebt es, feiert es. Diese Annahme des Selbst, diese Selbstliebe ist der erste Schritt zum gelingenden Leben mit Trauma.

 

Wenn dieser Schritt gelingt, dann führt der weitere Weg über das Aussprechen der Wahrheit und das Finden der eigenen Stimme. Auch dieser Weg ist in „Wie im Himmel“ in einer Nebenrolle (Gabriellas Song) angelegt. Richtungsweisend sollen hier die Zeilen von Emeli Sandé aus ihrem Song „Read all about it“ stehen:

You've got the words to change a nation, but you're biting your tongue You've spent a lifetime stuck in silence, afraid you'll say something wrong If no one ever hears it, how we gonna learn your song? So come on, come on, come on, come on

 

Der Film, der diese Botschaft auf den Punkt bringt, ist das Biopic zum Leben von Johnny Cash: Walk the Line (2005).

In der Szene, die seinem Leben die entscheidende Wende gibt, singt Cash zum ersten Mal in einem Studio vor, in der Hoffnung einen Vertrag zu bekommen. Er wird vom Produzenten aber schnell unterbrochen mit der Frage, ob er noch etwas anderes als Gospel hätte, denn das ließe sich nicht verkaufen. Der darauffolgende Dialog ist hörenswert. Der Produzent bleibt ruhig, als Cash ihm vorhält, seinen Gottesglauben in Frage zu stellen. Darum geht es nicht. Es geht um den Song, den ein Einzelner singt. Niemand, so der Produzent, möchte schon wieder den Song hören, der so klingt, wie alle anderen, vorgetragen wie alle anderen. Aber: Stell dir vor, du wirst angefahren. Du liegst sterbend im Straßengraben und du hättest noch Zeit für einen Song. Ein Song, der Gott zeigt, wer du wirklich bist und wofür du lebst. Was würdest du singen? Das will ich hören.

 

Diese metaphorische Botschaft lässt sich direkt in das Leben mit Trauma übersetzen. Trauma erfahren heißt in den meisten Fällen: die eigene Stimme verlieren. Diese Stimme wiederzufinden und auszusprechen, wer du wirklich bist, ist der Weg zurück ins Leben.

 

Zum Abschluss noch ein Hinweis für alle, die professionell Wegbegleiter sein wollen für Menschen, die durch Trauma erschüttert wurden. Auch dazu bietet „Walk the Line“ eine Anleitung. Sie kommt in der Person der June Carter. Sie ist die Dialogpartnerin, die Cash für seine Selbst-Rettung braucht. Sie liebt sein Potenzial; sie liebt, wer er sein könnte, aber sie zieht auch ganz klare Grenzen, wenn er auch nur versucht, sie in sein traumatisches Muster hineinzuziehen. Diese Liebe und die Grenzen, die ein wohlwollender Anderer zieht, sind die entscheidenden Hilfen aus Angst, Scham und Schuld.

 

Eines sollten wir jedoch nicht vergessen. Jeder Film hat seine vorbestimmte Pointe, seinen konstruierten Spannungsbogen. Im Leben ist das nicht so. Hier gibt es Ausfälle, Rückschläge, Wiederholungen und das Absurde. Hier wird nichts endgültig gelöst. Alles bleibt Aufgabe. Und so ende ich nicht mit einem Film, sondern mit Poesie. Mit Rilke. Der es verstanden hat. Die neunte Elegie.

 

Ein Mal jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir auch ein Mal. Nie wieder.

 
 
 

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