Resonanz und Respondanz
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Vielleicht kennen Sie Hartmut Rosas Buch „Resonanz“? Es hat ein breites Publikum gefunden und der Begriff der Resonanz hat sich inzwischen eingebürgert, um ein stimmiges und erfüllendes Verhältnis zur Welt zu beschreiben. Ich möchte diesen Begriff hier aufgreifen und erweitern. Kenntnisse von Rosas Thesen sind dabei hilfreich, im Detail aber nicht notwendig.
Rosa unterscheidet in seinem Buch prinzipiell zwischen einer resonanten und einer entfremdeten Weltbeziehung. Entfremdet ist, wer nicht mehr in der Lage ist, sich von Situationen berühren zu lassen, sich davon verwandeln zu lassen, oder wie Rosa sagt: sich die Welt anzuverwandeln. Die sogenannten „Resonanzachsen“ verstummen. Die Welt sagt einem nichts mehr. Rosa plädiert daher für die Wiedergewinnung eines resonanten Weltbezugs, in dem wir „mitschwingen“, uns berühren und bewegen lassen. Besondere Bedeutung kommt dabei dem „Unverfügbaren“ zu; dieses unkontrollierbare Element spielt eine zentrale Rolle in der Resonanzerfahrung. Rosa bringt als Beispiel das Erlebnis des ersten Schneefalls und der Schneeflocke, die sich nicht halten lässt.
Das Buch macht Mut und hat schon allein deshalb seinen Rang als Bestseller verdient. Aus Sicht der Traumaphilosophie fehlt jedoch Entscheidendes. Rosa konzipiert den Begriff der Resonanz wesentlich als Gegenbegriff zur Entfremdung durch Verfügbarkeit. Diese beiden Arten der Weltbeziehung stellt er gegenüber wie Pole auf einer Skala. Auf der einen Seite die stumme, kontrollierte und verfügbar gemachte Welt, auf der anderen die unverfügbare, aber dadurch auch offene und resonante Beziehung. Rosa erwähnt zwar, dass es auch auf Seite der Resonanz Probleme gibt, widmet diesen aber keinen Raum. Er stellt immerhin fest:
„Ein Resonanzverhältnis wird … auch dadurch verunmöglicht, dass sich das Subjekt zu radikal öffnet oder an die Welt verliert: Es büßt dann gleichsam seine „Eigenfrequenz“ ein, es spricht nicht mehr mit eigener Stimme, sondern wird konturlos, indem es nur noch als Echo der Welt fungiert.(H. Rosa. Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen.)
Rosa konzentriert sich auf negativen Auswirkungen einer zunehmend verfügbar gemachten Welt. Ich möchte hier den Fokus legen auf die menschliche Existenz, die ihre „Eigenfrequenz“ verloren hat. Resonanz verstehe ich daher als Mitte zwischen zwei Arten der Entfremdung. Auf einer Seite der Verlust der Welt, auf der anderen der Verlust des Selbst.
Entscheidend für mich ist, dass dieser Verlust des Selbst, das Verlieren der Eigenfrequenz die Antwort auf eine traumatische
Erfahrung ist. Es ist eine Antwort auf die Erfahrung eines existenziell erfahrenen „Nein“, wie ich es in meiner Interpretation zum Film „Der Fuchs“ beschrieben habe. Viele Menschen, die dieses existenzielle Nein erfahren haben, haben als Überlebensmuster eine extreme Resonanz entwickelt.
Wer zu wenig mit der Welt in Resonanz geht, erlebt an einem Ende der Skala die stumme Entfremdung wie Rosa sie darstellt. Aber wie steht es um die Menschen, die Zuviel in Resonanz gehen? Es gibt auch ein Menschenleben, das zu viel „resoniert“. Für diese Form der Weltbeziehung möchte ich den Begriff der Respondanz einführen.

Wie ich in meinem Text zur teleologischen vs. resonanten Antwort auf Trauma bereits geschildert habe[1], kann Resonanz ein Leben so weit bestimmen, dass es den eigenen inneren Kern verloren zu haben scheint. Respondante Menschen leben über die Maßen resonant, stellen sich instinktiv auf ihr Gegenüber ein, um das existenzielle Trauma ihres vernichteten Ich-Anteils nicht spüren zu müssen.
Dieses Sein-beim Anderen ist eine unbewusste Strategie, um den Schmerz des Beziehungsverlusts nicht spüren zu müssen, der sich in der traumatischen Schlüsselszene eingestellt hat (siehe: Bestellt und nicht abgeholt). Im Extremfall ist die Identität soweit betroffen, dass ein Erlebnis von „Selbst“ nur mehr in der Antwort auf andere möglich scheint. Der Mensch befindet sich ständig in einem Modus des „Antwortens“: in der Respondanz. Dieses Antworten ist nicht zu verstehen als „Antwort“ im herkömmlichen sprachlichen Sinn und auch nicht als Antwort im Sinne der Verantwortung, wie Lévinas sie beschreibt. Respondanz meint ein Leben, das sich im Mitschwingen mit der Umgebung erlebt.
Wer in der Respondanz lebt, ist nicht „konturlos“, wie Rosa schreibt, ganz im Gegenteil. Mit ihrem untrüglichen Gespür für das Fehlende stehen diese Menschen für ihre Partner oder in Gruppen immer dort, wo sie gebraucht werden und wirken von außen betrachtet sehr präsent. Respondante Menschen schaffen um sich herum meist gute Atmosphäre, aber nicht, weil sie dies als Ziel verfolgen, sondern im Gegenteil, weil sie sich – systemisch betrachtet – sowohl emotional als auch pragmatisch immer dorthin stellen, wo sie gerade gebraucht werden. Manchmal sind sie der Mittelpunkt der Party, manchmal der Außenseiter, der gehen muss, damit es allen anderen gut geht. Im Außen sind sie greifbar, im Innen einsam.
Respondante Menschen sind wie der Clown, der als Einziger traurig aus der Manege geht, nachdem alle unterhalten sind. Die respondante Existenz ist ständig bedroht von dieser verzweifelten Einsamkeit, von der sich andere Menschen kaum eine Vorstellung machen können. Friedrich Nietzsche gehört zu den respondanten Menschen, die dieser tiefen Einsamkeit Ausdruck verliehen haben:
„Wenn ich dir einen Begriff meines Gefühls von Einsamkeit geben könnte! Unter den Lebenden so wenig als unter den Toten habe ich Jemanden mit dem ich mich verwandt fühle. Dies ist unbeschreiblich schauerlich und nur die Übung im Ertragen dieses Gefühls … macht’s mir begreiflich, dass ich daran noch nicht zu Grunde gegangen bin.“
(Brief F. Nietzsches an Franz Overbeck vom 5.8.1886)
Und so klingt seine literarische Umsetzung:
„Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
Gebt heisse Hände!
Gebt Herzens-Kohlebecken!“
(F. Nietzsche. Also sprach Zarathustra.)
Um mit dieser radikalen Einsamkeit leben zu können, hat Nietzsche sich schließlich eine Kunstfigur – den Zarathustra – erschaffen. Ein phantasiertes übermächtiges Alter Ego, das Einsamkeit als Schwäche verurteilt und den „Willen zur Macht“ predigt. Ein Irrweg. Ansprache und echte Gemeinschaft hat er nicht mehr erlebt. Schließlich lässt ihn der Anblick eines geschundenen Pferds endgültig in den Abgrund stürzen.
Welcher Weg führt aus dieser Einsamkeit, die von außen nie sichtbar wird? Für respondante Menschen ist die Forderung nach Resonanz als Weg zu mehr Lebendigkeit verfehlt. Der Ausweg aus der tiefen Einsamkeit führt nicht über mehr Resonanz. Die Lösung liegt darin, dass respondante Menschen eine wahrhafte Antwort brauchen auf die Frage: Was will ich wirklich? Auf diese Frage haben respondante Menschen keine Antwort. Sie wollen, was der andere will. Wer einen Mainstream Film für dieses Verhalten sucht, wird fündig bei der berühmten Frage nach dem Frühstücksei in „Die Braut, die sich nicht traut“. Der Film liefert auch die Antwort darauf, was wirklich hilft, um aus der Verlorenheit in die Respondanz zu sich selbst zu kommen: Man muss sich trauen. Ein Leben außerhalb der Respondanz ist eine Frage des Mutes, nicht der Empathie.
Die seichte, Mainstream-taugliche Rom-Com stellt somit eine Frage von existenzieller Bedeutung: Wie finde ich mich selbst?
Es kann damit beginnen, im stillen Kämmerlein herauszufinden, wie man am liebsten sein Frühstücksei zubereitet. Das ist ein legitimer Weg zur Selbstermächtigung und kann ein erster Schritt zum eigentlichen Selbst sein. Damit allein ist es aber nicht getan. Der entscheidende Schritt braucht Zeugen und Ansprache. Erst wenn ich es schaffe, vor anderen für mich selbst einzustehen, ist ein Weg aus der Respondanz möglich. Der Weg für respondante Menschen führt daher über die wahrhaftige Aussprache, über die „Parrhesia“, in einer existenziellen Interpretation des Begriffs, den Foucault wieder neu geprägt hat. Was ist die existenzielle „Parrhesia“ und wie kann ich sie (er-)leben? Das sind die Fragen, die ich in meiner philosophischen Praxis beantworte. In diesem geschützten Raum können wir die Bedeutung der Parrhesia für das eigene Leben klären und schließlich herausfinden: was will ICH wirklich?
[1] Rosa verwendet den Begriff „intentional“ statt „teleologisch“. Das Leben der an der Zukunft orientierten Menschen sehe ich aber mehr durch Ziele (telos) motiviert als durch Absichten (intention).




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