Trauma Philosophie 5: Leben mit Trauma


Resonanz und Teleologie


Eine traumatische Erfahrung verändert alles. Trauma bedeutet, es hat sich eine Erfahrung einverleibt, zu der man sich ab nun stellen muss. Der Umgang mit dem eigenen Trauma kann zwei völlig konträre Richtungen nehmen, beide machen ein Leben mit und um das Trauma herum möglich. Die existenzielle Reaktion auf Trauma ist entweder resonant oder teleologisch.


Der resonante ebenso wie der teleologische Entwurf sind je ein Versuch, das eigene Selbst zu retten, indem man ein Leben um eine Leerstelle herum aufbaut. Beide Versuche können in gewissen Rahmen erfolgreich sein, auch wenn sie letztlich Fluchtbewegungen sind, ein Standhalten vor der Gravitation des schwarzen Lochs in der Mitte des Seins.


Der resonante Mensch entkommt, indem er in Resonanz mit der Welt geht. Er schwingt mit. Er lebt mit. Es ist dieses „mit“, das sein Dasein kennzeichnet. Dieses traumabasierte Mitsein geht weit über das hinaus, was man üblicherweise Empathie nennt. Es meint ein elementares Angewiesensein auf andere und anderes. Resonante Menschen sind durchaus zu Höchstleistungen fähig und meistern Herausforderungen, aber für sie sind das keine erreichten „Ziele“ die aus ihrem Inneren kommen, sondern lediglich Heraus-forderungen, die ihnen von außen gestellt werden und die sie meistern, um verbunden zu bleiben. Diese verbundene Angewiesenheit kann sich auf beinahe alles beziehen: Menschen, Tiere, Berufe, Götter. Das entscheidende ist, dass der resonante Mensch bei einer Sache mitschwingt und mitschwingen muss, die er nicht selbst ist. Seine größte Angst ist es daher, verlassen zu werden und die Retraumatisierung ereignet sich, wo genau das passiert. Ohne ein Gegenüber mit dem er mitschwingen kann, fällt der resonante Mensch ins Bodenlose. Das „Ich“ des resonanten Menschen ist immer ein „Ich und Du“, oder noch genauer: „Du und Ich“.


Resonanter Menschen sind im Alltag daher typischerweise Begleiter. Sie bauen große Unternehmen mit auf; sie übernehmen Verantwortung für die anderen in Beziehungen, sie arbeiten prozessorientiert und verlassen sich auf ihr Gespür dafür, was jetzt gerade nötig ist. Sie tun was getan werden muss,

d.h. was die Situation oder das Gegenüber verlangt. Immer sind sie in Resonanz mit ihrer Umwelt. Ihre Lebensweise ist ganz grundlegend reaktiv, egal wie erfolgreich und selbstbestimmt sie von außen aussehen mag. Diese Orientierung am Außen wird dem resonanten Menschen zumeist erst bewusst, wenn das Außen ihn verlässt. Trennungen oder fehlende berufliche Herausforderungen führen zu grundlegender Verunsicherung, weil die Möglichkeit fehlt, zu resonieren. Es beginnt die Suche nach einem neuen Resonanzpartner. In ihm und durch ihn kommt der resonante Mensch zu sich. Ohne ihn verliert er sich im Nirgendwo. Wird der Partner gewaltsam entrissen, kommt das Trauma zu Bewusstsein und der Schmerz allgegenwärtig.


Das Mitschwingen mit Anderen ist eine existenzielle Grundausrichtung, die ein Leben ermöglicht, obwohl das Trauma etwas Lebendiges vernichtet hat. Es hält den Menschen von dieser Vernichtung im Innersten fern. Wenn die Möglichkeiten zum Mitschwingen passen, wird es möglich, glücklich zu sein und das Leben zu lieben. Wenn die Möglichkeit zum Mitschwingen genommen wird, kommt die Angst und im schlimmsten Fall der Wunsch nach dem Tod, den das tiefste Trauma einfordert.


Häufig suchen sich resonante Menschen ihr Gegenstück, den teleologischen Menschen, um gut durch das Leben zu kommen. Dieser Typ Mensch lässt das Trauma hinter sich, indem er sich aktiv in die Zukunft entwirft. Diese Menschen sind sich selbst immer schon vorweg und leben in den Projekten der Zukunft; nur so kann die Vergangenheit sie nicht einholen. Teleologische Menschen leben in ihren Zielen und Projekten. Sie haben einen erstaunlichen Zug nach vorne. Sie sind die Unternehmensgründer und Spitzensportler. Sie orientieren sich nicht an der Gegenwart, sondern an der Zukunft. Sie entwerfen sich auf ihr zukünftiges Selbst hin. Damit ist kein Narzissmus gemeint, sondern ein Leben im „sich vorweg sein“. Teleologische Menschen leben sich quasi hinterher. Sie haben Pläne und Entwürfe, die sie verfolgen und die sie gleichzeitig auch sind. Oft sind diese Lebensentwürfe irgendwie verbunden mit dem ursprünglichen Trauma vor dem die Flucht nach vorne schützen soll. Der zu früh Geborene wird Geburtshelfer, der beinahe Gestorbene Intensivmediziner, der Vernachlässigte gründet ein Coaching Unternehmen.

Teleologische Menschen brauchen Ordnung. Ihr Wesen ist das Ausgerichtetsein auf Ziele und zu ihrer Erreichung brauchen sie die Dinge in ihrer Umgebung da, wo sie hingehören. Die Krise im Leben des teleologischen Menschen tritt ein, wenn er - etwa aufgrund einer körperlichen Behinderung – daran gehindert wird, seine Entwürfe umzusetzen. Wenn aus einem Spitzensportler ein Paralympics Teilnehmer wird, hat man es mit Sicherheit mit einem teleologischen Menschen zu tun. Man kann diesen Menschen alles nehmen, nur nicht ihr Ziel und ihre Aufgabe, denn darin gehen sie auf. Auch für die teleologisch orientierten Menschen ist ein glückliches Leben möglich, wenn sie Ziele setzen können und die Menschen in Ihrer Umgebung sich diesen Zielen anschließen.


Eine Beziehung zwischen einem resonanten und einem teleologischen Menschen ist möglich und häufig, weil der Eine die Richtung und der Andere die Resonanz braucht. Schwierig wird es immer dann, wenn der resonante Mensch spürt, dass sein Gegenüber nicht mitschwingt bzw. der teleologische Mensch feststellt, dass seine Ordnung gestört wird. Der Quantensprung in diesen Beziehungen wäre die Erkenntnis der gemeinsamen Flucht. Wie im Gleichnis vom Blinden und Lahmen, die nur gemeinsam durch den Wald kommen, könnte die gemeinsame Einsicht in die Verwiesenheit aufeinander eine tiefe Liebe und Freundschaft begründen. Dieser schenkt jenem eine Gegenwart, jener diesem eine Zukunft.